Aufsatz 
Eine Italienfahrt im Frühling / von Müller
Entstehung
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dem unsre Nachtruhe nur kurz gewesen war, trieb es uns doch alsbald hinaus, die Stadt, die uns in der Nacht ein grosses Rätsel geblieben war, im hellen Sonnenschein näher zu betrachten. Wenige Schritte von unserem Hotel lag der prächtige Spanische Platz, die Piazza di Spagna, von dem eine riesige, kunstvolle Treppe eine zum Monte Pincio ge- hörige Anhöhe hinaufführt. Um den hohen Obelisken herum, der sich auf dem Platze erhebt, konnten wir die Pracht südlicher Blumenflora bewundern, die von zahlreichen Ver- käufern dort ausgestellt war. Aber es litt uns hier nicht lange. Schon wenige Minuten später wanderte ich mit einem Gefährten, beide mit Sträussen geschmückt, die uns ein paar Blumenmädchen, ohne auch nur zu fragen, am Rock befestigt hatten, die breite Strasse hin, die nach der berühmten Piazza del Popolo im Norden der Stadt führt, von wo der Corso in südlicher Richtung auf das Capitol zu läuft. Die Mitte des Platzes ziert bekannt- lich der Obelisk, den Augustus nach der Besiegung des Antonius aus Kgypten nach Rom bringen und im Circus maximus aufstellen liess. Auch hier war unseres Bleibens nicht lange.

Ein bequemer Aufgang brachte uns durch herrliche, mit Palmen, Cacteen u. s. w. geschmückte Anlagen, wo auch fröblicher Vogelgesang, den wir sonst in ltalien vermissten, unser Ohr erfreute, auf den Monte Pincio, den achten der Berge Roms, der noch heute wie im Altertum ein Mons hortorum ist, da sich Gartenanlagen bis zur Villa Borghese hinziehen. Von der nach der Piazza del Popolo hin vorgebauten Terrasse schweift das trunkene Auge nordwärts über die Campagna, während sich im Süden die Weltstadt aus- breitet. Welch' ein überwältigender Anblick für Auge und Gemüt, fremdartig, und doch nicht ganz unbekannt! Denn sogleich entdeckt man alte Bekannte, die man schon oft im Geiste besucht hat: fern im Süden ragt der Glockenturm des Senatorenpalastes auf dem Capitol, links daneben die Cypressen stehen ohne Zweifel auf dem Palatin, noch weiter links steigt das Coliseo, die grösste Ruine der Welt, empor, weiter nach Norden links vom Corso das Pantheon und unserm Standorte ziemlich nahe das Mausoleum des Augustus. Im Westen hebt sich majestätisch die gewaltige Kuph'el der Peterskirche, und vor ihr, nahe dem Tiberfluss, immer noch den Stürmen der Zeiten trotzend, die altehrwürdige Engelsburg. Alle diese Punkte ragen wie Inseln aus dem ausgedehnten Häusermeer der modernen Grossstadt, deren grösster Teil den alten Campus Martius links vom Tiber bedeckt.

Hatten wir so zunächst das Ganze von einem höhern Standpunkt betrachtet, so bot sich auf dem alten Forum, dem Forum Romanum, etwa eine Stunde später ein Bild ganz andrer Art. Wer will sie schildern die Stätte, wo die gewaltigsten Ereignisse sich abgespielt haben, der an weltgeschichtlicher Bedeutung, wenn wir vom Christentum absehen, keine andere auf der ganzen Erde sich an die Seite stellen kann! Dreizehn Meter unter dem heutigen Strassenniveau, von einer rohen hölzernen Barriere eingefasst, die auf der Süd- seite beim Castortempel zugänglich ist, ein grosser, langgestreckter Platz, vom Capitol bis nach der Basilika des Constantin im Osten sich ausdehnend, einst das glänzende Centrum römischer Weltherrschaft, jetat ein grosses Trümmerfeld welcher Anblick könnte für den menschlichen Geist, zumal des Geschichtsfreundes, ergreifender sein? Noch heute wird, besonders auf dem östlichen Teil eifrig gegraben, da der gegenwärtige Kultusminister Italiens, Baccelli, ein grosser Altertumsfreund ist; nur die nördliche Seite bleibt grossen- teils verschüttet, da einige Kirchen auf den Trümmern erbaut sind.

Für mich war das Forum unter allen Sehenswürdigkeiten Roms die anziehendste, und darum widmete ich nicht bloss den ersten, sondern auch noch den vorletzten Morgen,