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Bald aber tritt die Bahn etwas weiter vom Meeresufer zurück, schnell ist der Arno bei Pisa überschritten, dessen schiefer Turm herübergrüsst, und nun beginnt die Landschaft in Toscana einen einfacheren Charakter anzunehmen: links erscheinen Höhenzüge in bläu- lichem Duft mit malerischen Ortschaften, während rechts noch manchmal die See mit ihren felsigen Inseln sichtbar wird. Unter diesen Umständen wurde es von uns mit Freu- den begrüsst, als das Zeichen zum Abendessen gegeben wurde, das von der ganzen Kara- wane gemeinschaftlich in dem geräumigen Restaurationswagen des Zuges eingenommen wurde. In einer interessanteren Lage hatte wohl keiner unter uns in seinem Leben ge- speist. Mitten durch das Land der alten Etrusker mit Windeseile dahinfahrend und doch behaglich bei einander sitzend, die frohen Hoffnungen auf die nächsten Tage und manche gemeinsame Erinnerung an die Heimat austauschend, im Genusse der herrlichen Erzeug- nisse des Landes, das im Abendschein um uns herum lag: kein Wunder, dass sich eine frohe Stimmung aller bemächtigte und zuletzt in deutschen Liedern Ausdruck fand.— „Immer lustrik!“ rief ein Italiener in gebrochenem Deutsch auf einer Station den Sängern zu, und das wurde zum Stichwort, das später öfter die Stimmung erböhte.
Inzwischen war die Sonne im Meere versunken, und im Osten kam der volle Mond über die Berge gestiegen. So fuhr der Zug in die römische Campagna, die grosse, von Gras und Epheu übersponnene Einöde, wo früher ein blühenderes Leben geherrscht hat, die nun im Dämmerschein der Nacht vor uns lag und unsere Erwartungen immer höher steigen liess. Lange standen wir abwechselnd an den Fenstern unseres Zuges, um irgend ein Wahrzeichen des nahenden Roms begrüssen zu können— aber lange vergebens; denn wir hatten nicht weniger als 3 Stunden Verspätung. Die Eisenbahnen waren nicht im stande, den Personenverkehr zu bewältigen; sollen doch in jenen Tagen ungefäühr 150,000 Fremde in Rom gewesen sein.
Endlich nach Mitternacht gings im Südwesten der Stadt über den Tiber: dunkle Häusermassen zu beiden Seiten, ein hoher antiker Aquädukt, unter dem der Zug hinweg- zufahren schien, waren zu erkennen. Dann langten wir auf dem Central-Bahnhof im Nord- osten der Stadt an, von wo uns die vorher bestellten Wagen schnell einen Abhang(den alten collis Viminalis) hinunter in westlicher Richtung nach den Quartieren beförderten.
So waren wir denn in Romm, der ewigen Stadt, an die sich fast die ganze Welt- geschichte knüpft, von der Goethe sagt, dass er seinen zweiten Geburtstag zühle, seit er sie gesehen habe, denn andrer Orten müsse man das Bedeutende aufsuchen, hier werde man völlig davon überdrängt. Man müsse mit tausend Griffeln schreiben, eine Feder sei viel zu schwach:
Hohe Sonne,
Grösseres sahst Du nicht und wirst nichts Grösseres sehen,
Wie es Dein Priester Horaz in der Verzückung versprach! Im wesentlichen gilt das alles noch heute, obwohl die Stadt in mancher Beziehung eine andere geworden ist. Und so werde ich mich denn auch wohl hüten, von unserm kurzen Aufenthalt, der kaum 5 Tage betrug, etwas irgendwie Erschöpfendes über Rom sagen zu wollen; nur einzelne Eindrücke, die mir besonders in der Erinnerung geblieben sind, möchte ich mitteilen.
Am frühen Morgen weckten uns die hellen Stimmen der Strassenverkäufer, die in ihrer wohltönenden Sprache mit langgezogenem Rufe lustig ihre Waren anpriesen. Trotz-


