Aufsatz 
Eine Italienfahrt im Frühling / von Müller
Entstehung
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ist zu ausgedehnt, als dass wir ihn jetzt schon genügend überschauen konnten, und so folgten wir gern einem ortskundigen Reisegeführten in eine der Osterien in der Nähe un- seres Hotels, wo wir an sauberen Tischen zwischen mächtigen Weinfässern inmitten einer heitern, italienisch redenden Gesellschaft in einem Glase schüumenden Rotweins, des be- kannten Asti spumante, unsre Ankunft an der Riviera feierten. Aber schon in der Frühe des nächsten Tages trug uns die Drahtseilbahn hinauf nach Castellaccio, einem hoch über Genua gelegenen Aussichtspunkt, wo wir inmitten der schönsten Gartenanlagen einige Stunden im Anblick des blauen Meeres, das in der Ferne noch von Nebel bedeckt war, des grossartigen Hafens, in dem wir zwei deutsche Kriegsschiffe deutlich erkannten, und der herrlichen Stadt mit ihren Umgebungen in aller Musse schwelgen konnten: Genova la superba!

Wie viel Schönes hatten wir seit unserer Abfahrt in den letzten zwei Tagen schon gesehen! Und doch war kaum die Schwelle des Landes überschritten, das, von der leuch- tenden See umgürtet, im Zauber der südlichen Sonne vor uns lag.

Kaum waren wir unten in der Stadt angelangt und durch den in Italien üblichen Lunch erquickt, so wurde das Zeichen zur Weiterfahrt gegeben. Denn noch an diesem Tage wollten wir Rom, das langersehnte Hauptziel unserer Fahrt, erreichen. Noch einmal wurden die Gläser erhoben und auf eine fröhliche Fortsetzung der Reise geleert: dann führte uns der lange, dichtbesetzte Zug hinweg an die schöne Riviera di Levante(so heisst be- kanntlich die Küste östlich von Genua im Gegensatz zu der Riviera di Ponente im Westen).

Wenn unsere Lahnbahn schon eine stattliche Anzahl von Tunnels aufzuweisen hat, so kann sie sich darin mit der Strecke Genua-Pisa doch nicht messen; denn nicht weniger als einundsechzigmal wird man dem Tageslicht entrückt und der schönen Ausblicke, wenn auch meist nur auf kurze Zeit, beraubt. Diese Fahrt ist zur Einführung in die eigentliche Halbinsel so recht geeignet: es war als seien wir in eine Märchenwelt versetzt. Gleich nach der Ausfahrt aus dem grossen Bahnhof sahen wir die ersten Orangen- und Citronen- gärten, mit reifenden Früchten bedeckt, dann kam rechts das Meer mit den hohen, felsigen Ufern im Glanz der Nachmittagssonne, Wellen und Brandung in unsrer nächsten Nähe. So lösten die grossartigsten und lieblichsten Meer-, Gebirgs- und Gartenlandschaften ein- ander ab, dazu durch die Tunnels ein fortwährender Wechsel zwischen Hell und Dunkel: kaum vermochte das Auge die verschiedenen Eindrücke zu bewültigen.

Bald nachdem der Golf von Spezzia zur Rechten den Blicken entschwunden war, traten zur Linken die gewaltigen Marmorbrüche von Carrara an den Zug heran. Die Stadt selbst liegt 5 Km von der Bahn entfernt, mit dieser durch eine Zweigbahn verbun- den. Aber bei der Station Avenza sieht man den Marmor in allen Formen und den ver- schiedensten Farben, von tiefem Schwarz bis zu blendendem Weiss, in mächtigen Blöcken wie in schönen, bis zur Fingerdicke feingeschnittenen Platten, lagern, um auf dem Land- oder Seewege in die Ferne verschickt zu werden. In geringer Entfernung steigen die rie- sigen Felsen auf, fast völlig nackt und von jener silbergrauen Färbung, die an die höheren Firnen der Alpenwelt erinnert. Tiefe, schneeweisse Furchen laufen in trichterförmige Schluchten zusammen, rechts und links steigen scharf geschnittene Bergriesen empor, in der Mitte aber erhebt sich auf einem Felsenkegel das Dorf Torrano, dessen Bewohner seit vielen Generationen, oft mit Gefahr des Lebens, den kostbaren Stein vom Felsen lösen und auf die Reise in die Welt vorbereiten.