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des Domes, die unzühligen Spitztürme und Statuen, am besten übersieht, und weiter hinauf an den Hauptturm, wo sich die grossartigste JLandschaft vor den Augen des Beschauers ausbreitet. Niemand unterlasse es, bei einigermassen hellem Wetter die 344 Stufen zu ersteigen: die Aussicht reicht über die Stadt und die lombardische Ebene hinaus 220 Kilo- meter weit und schliesst mit einer Prachtschau auf die Alpen ab. Uns fesselte vor allem die prächtige Gruppe des Monte Rosa und ausser den Berner Alpen die Ortles-Gruppe mit der ragenden Ortlesspitze. Nachdem wir so der nordischen Heimat den letzten Gruss gesandt, wandten wir uns mit ungeteiltem Interesse den Sehenswürdigkeiten Italiens zu.
In langer Wagenreihe durchfuhren wir die schönsten Strassen Mailands, wo uns zum ersten Mal die Eigentümlichkeit italienischen Stadtverkehrs entgegentrat und viele drastische Bilder ernsten und noch mehr heitern Charakters aus dem Volksleben unsere Aufmerksamkeit anzogen, zuletzt an dem berühmten Friedensbogen vorüber, der die Sim- plonstrasse abschliesst, auf den Campo-Santo, den Friedhof von Mailand.— Hier hatte der Frühling bereits seinen Einzug gehalten, sodass die Vegetation etwa wie bei uns im Au- fang Mai erschien. Besonders neu war für uns die Art, wie die Italiener ihrer Trauer Ausdruck geben: auf zahlreichen Marmorreliefs sind die ergreifendsten Scenen aus dem Leben und Sterben der dort Ruhenden in immer neuen, packenden Bildern dargestellt. Man hat den Eindruck, dass darin neben dem lebhaften Temperament der Siidländer doch auch noch der Einfluss der Alten sich geltend macht, für die mit dem Tode alles vorüber war und die im Tode gleichsam noch das Leben festhalten wollten. So überraschend die Fülle von Kunst auch ist, so hat doch diese Art der Trauer für uns Deutsche zuletzt et- was Fremdartiges, man möchte fast sagen, Aufdringliches und Prahlerisches, und unwill- kürlich denkt man an des Tacitus Worte in der Germania, in denen er seine Bewunde- rung ausdrückt über die schlichte, stille und tiefe Trauer der Germanen. Nicht minder erinnerte an das Altertum das Crematorium, das Haus fur die Leichenverbrennung, das in der Mitte des Campo Santo errichtet ist und die Inschrift trägt:
Vermibus erepti puro consumimur igni;
Indocte vetitum mens renovata petit. Es wurde uns bereitwillig geöffnet und in allen seinen Teilen in zuvorkommendster Weise gezeigt.
Am Nachmittag desselben Tages hatte unser Zug bereits den Po überschritten, und wir näherten uns dem Apenninengebirge mit seinen silbernen Bergkuppen, von dessen Pass- höhe wir zum ersten Male die blaue See zu erblicken hofften. Leider war unsere Erwar- tung vergeblich. Denn gerade, als wir oben angelangt waren, hatte sich ein Wolken- schleier vorübergehend über die Berge gelegt, so dass wir unsere Ungeduld noch zügeln mussten, bis dann in der Abenddämmerung die in nächster Nähe leuchtende Wasserfläche bezeugte, dass wir am Mittelmeer in der bedeutendsten Sechandelsstadt Italiens angekom- men seien.
Erst hier in Genua, dessen Klima bei der geschützten Lage dem von Neapel ähn- lich ist, hatten wir recht eigentlich das Gefühl, dass wir im Süden angekommen seien. Als wir nach dem Abendessen sogleich zum Hafen hinabgingen, konnten wir trotz der Dunkel- heit den gewaltigen Unterschied in der Vegetation diesseits und jenseits der Apenninen wahrnehmen: In den Anlagen ragten zwischen üppigen Blumenbeeten unter andern tro- pischen Gewächsen stattliche Palmen in die stille, warme Luft empor.— Der Hafen selbst


