Aufsatz 
Eine Italienfahrt im Frühling / von Müller
Entstehung
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Von Luzern aus ging es durch grossartige, stets wechselnde See- und Gebirgsland-

schaften um den Nordfuss des Rigi herum das wilderhabene Thal der Reuss hinauf:

Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.

Kennst Du das Land? Nachdem wir in Göschenen bei willkommenem Mahle von deutscher Erde Abschied ge- nommen, dann den St. Gotthardt-Tunnel in etwa 20 Minuten durchfahren hatten, that sich bald eine neue Welt vor uns auf. Das rtchen Airôlo freilich bot infolge des vorherge- gangenen Bergsturzes ein betrübendes Bild: ein Teil des Dorfes war noch von Geröll be- deckt, einige Häuser schauten halbverschüttet aus den gewaltigen Massen hervor, und eine Menge Arbeiter war eifrig beschäftigt, um den Fuss des hohen und steilen Abhangs eine Mauer aufzuführen, die aber im Vergleich mit den in der Höhe noch drohenden Berg- hängen gar winzig und schwach erschien. Auch zeigte das Klima im Tessinthale zunächst keine überraschende Veränderung; nur erschienen die IIlöhen schon etwas mehr vom Schnee befreit.

Bald aber änderte sich die Gegend: die Dörfer, die zum Teil hoch auf den Bergen lagen, nahmen ein anderes Aussehen an: die Häuser rohe Steinbauten, flachere Dächer, keine grünen Läden mehr, die Fenster ohne freundliche Gardinen; dann fortgeschrittene Vegetation: blühende Anemonen an den Abhängen, hier und da eine Trauerweide mit jungem Laub, die Wiesen grüner, stellenweise mit tausenden von Massliebchen bedeckt, bei Bellinzona dann Pfirsichpflanzungen im vollen frischen Blütenschmuck.

In der Seengegend folgten neue Bilder. Den Lago maggiore glaubten wir aus der Ferne herüberschimmern zu sehen; dann aber führte der Zug bei Lugano an den gleich- namigen See, um den Fuss des Monte Salvatore und auf schmalem Damm quer über den See auf das andre Ufer, so dass man nicht wusste, nach welcher Seite man blicken sollte: auf beiden Seiten der blaue Wasserspiegel, in besondere Buchten auseinander tretend, die Ufer mit Dörfern, Villen übersäet, die hohen, schöplinigen Berggipfel im Glanz der Abend- sonne und oben darüber die leuchtenden Firnen der Hochalpen.

Nachdem wir uns in Chiasso der etwas lästigen Zollrevision unterworfen hatten, betrat der Zug bei dem alten, ebenfalls reizend gelegenen Como die lombardische Tief- ebene, die wir nun in schnellem Fluge durcheilten. Der Abend war hereingebrochen, als wir auf dem grossen, herrlich beleuchteten Bahnhof in Mailand anlangten und auf bereit- stehenden Wagen aus dem Menschengewühl schnell in unser Hotel gelangten.

Ein wolkenloser Frühlingshimmel war am andern Morgen über Mailand ausge- spannt, als wir uns aufmachten, zunächst die grösste Sehenswürdigkeit der Stadt, den Dom, in Augenschein zu nehmen. Durch die Galleria Emanuele, den gewaltigen, von 4 herrlichen Palästen eingefassten Bogengang, den wir schon am Abend zuvor in feenhafter Beleuchtung gesehen hatten er bildet den Mittelpunkt des städtischen Verkehrs ge- langten wir dorthin..

Ich verzichte darauf, den Dom, die nach der Peterskirche schönste und grösste Kirche Italiens, genauer zu beschreiben. Ieh bemerke nur, dass uns neben den vielen Werken älterer und neuerer Kunst besonders die verschwenderische Pracht auffiel, die hier entfaltet ist: allein die kleine unterirdische Kapelle mit dem Sarkophag des heiligen Borromäus soll für 17 Millionen Edelsteine enthalten. Fast übersättigt von den mannigfachsten Eindrücken, stiegen wir dann hinauf auf das Dach, wo man die herrliche Marmorpracht