Eine Italienfahrt im Frühling.*)
Als ich am 25. März morgens 8 Uhr von Frankfurt a. M., wo ich am Abend vor- her im Opernhause der Aufführung von Shakespeares Julius Caesar, als einer willkom- menen Vorbereitung auf einen Besuch Roms, hatte beiwohnen können, in der Richtung nach Basel abfuhr, traf ich im Zuge einige Herren, die sich ebenfalls an der Gesellschafts- fahrt, die in Luzern am nächsten Tage ihren Anfang nehmen sollte, beteiligen wollten.
Der gemeinsamen Hoffnung uns freuend, fuhren wir bei heiterem Himmel durch die oberrheinische Tiefebene, wo freilieh wegen der vorhergegangenen kalten Nächte noch keine Spur des Frühlings zu bemerken war: Wiesen und Felder lagen noch kahl und farblos da; der deutsche Belchen, der aus dem Schwarzwald herüberschaute, trug noch eine Schneehaube. Auch in den Thälern der Voralpen südlich von Basel zeigte die Vegetation kaum einen grösseren Fortschritt. UÜberraschend war der Eindruck, als etwa um 3 Uhr nachmittags, eine Strecke vor Luzern, die Bergriesen der Schwyzer, Vierwaldstätter und Berner Alpen in langem, leuchtendem Schneegewande uns entgegentraten. In Luzern hatten wir an diesem Tage noch Zeit genug, mit der Drahtseilbahn auf den Gütsch hinauf- zufahren und die entzückende Rundsicht über den See und die grossartige Landschaft zu geniessen. Eine schneidende Nordluft empfing uns dort oben; die ganze Gebirgswelt rings umher lag noch im Banne des Winters und war bis fast an den See hinab in Eis und Schnee gehüllt, aber unvergleichlich klar beleuchtet: trotz der winterlichen Einförmigkeit ein Bild von überwältigender Erhabenheit. Nicht minder fesselnd war der Blick von dem Ufer des Sees, den wir am Abend bei heraufziehendem Mond und auch am andern Morgen nicht müde wurden zu geniessen.
Am 26. März, 10 Uhr vormittags,— in der Frühe waren 70 Külte gewesen— trat die Reisegesellsehaft auf dem Bahnhof von Luzern zusammen. Sie belief sich auf 40 bis 50 Personen; auch eine Anzahl Damen beteiligte sich an der Fahrt. Gegen 11 Uhr morgens begann die gemeinschaftliche Reise, die, wie gleich im Anfang bemerkt sein möge, bis zu Ende vom schönsten Wetter begünstigt war. Wir hatten fast immer wolkenlosen Himmel und angenehme Temperatur, in Oberitalien freilich morgens und abends noch etwas kühlere Luft, am Tage aber allentbalben Wärme, die sich eigentlich nie zu drücken- der Hitze steigerte.
*) Von der Ansicht ausgehend, die übrigens in den letzten Jahren öfter von Amtsgenossen vertreten ist, dass sich zu Programmabhandlungen nicht sowohl strengwissenschaftliche Gegenstände eignen, die grösstenteils wohl am zweckmässigsten in Fachzeitschriften veröffentlicht werden, als vielmehr solche, die mehr den Interessen der Schule entsprechen und vielen Lesern etwas bieten, teile ich, indem ich damit zugleich verschiedenen, an mich gerichteten Wünschen entgegenkomme, diese flüchtigen Reiseeindrücke, die hier und da mit geschichtlichen Betrachtungen durchflochten sind, einem weiteren Kreise mit. Wer dem im Herbste von mir über denselben Gegenstand gehaltenen Vortrage beigewohnt hat, findet vielleicht einige neu hinzugekommene Teile, wie den Abschnitt über Florenz oder die hier ausführlicher gegebene Schilde- rung meiner Erlebnisse in Rom, noch lesenswert.
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