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Jedoch habe es der Zufall gefügt, dass irgendwo eine Abschrift vorhanden gewesen sei, und diese Aufzeichnungen habe Xenophon benutzt, um durch die beiden ersten Bücher seiner Hellenika das Werk zu vervollständigen. ¹) Diese Phantastereien haben begreiflicherweise keine Zustimmung gefunden; ²) aber so viel Wahres steckt immerhin darin, dass der Geschichtschreiber Aufzeichnungen und vorläufige Entwürfe für die Darstellung der letzten Kriegsjahre jedenfalls besessen hat. IHätte nun der unbekannte Herausgeber wirklich das hinterlassene Werk bearbeiten wollen, so hätte er es ganz gewiss vor allen Dingen mit Benutzung jener Entwürfe äusserlich zu Ende geführt. Ausreichendes Material dafür fand er ganz bestimmt im Nachlass des Geschichtschreibers vor, und zwar in einzelnen Partieen wahrscheinlich schon in Form einer fortlaufenden Erzählung. Dass er es nicht getan hat, kann seine Erklärung in zwei Möglichkeiten finden: entweder besass er zu einer solchen Aufgabe nicht die Fähigkeit, oder er unterliess es absichtlich, weil er das monumentale Werk ohne jeden Zusatz so veröffentlichen wollte, wie der Geist seines Urhebers es geschaffen hatte. Beide Annahmen nötigen aber zu dem Schluss, dass er dann auch die Geschichte der Jahre 431 bis 411 ohne jede Veränderung herausgegeben hat. Schon diese Erwägung ist geeignet, die Herausgebertheorie als unhaltbar erscheinen zu lassen. Ich möchte aber noch etwas weiter gehen und behaupten, dass schon durch diesen Gedankengang allein auch die Ullrichsche Hypothese als sehr unwahrscheinlich erwiesen wird. Denn alle Wahr- scheinlichkeit spricht gewiss dafür, dass der Herausgeber absichtlich unterlassen hat, die von Thukydides hinterlassenen Entwürfe für die letzten Kriegsjahre dem übrigen Werk entweder einfach anzuhängen oder auch sie zu einer eigenen Darstellung zu verarbeiten und in dieser Form anzufügen. Das Motiv für diese Unterlassung kann aber nur in der Ehrfurcht vor dem vollendeten Geschichtswerk und in der Besorgnis, durch solche Weiterführung das Ganze nicht besser, sondern schlechter zu machen, gelegen haben; und dieses Motiv ist wiederum nur verständlich, wenn dem Herausgeber nicht eine Anzahl unfertiger Entwürfe vorlagen, wie unsre Ullrichianer uns glauben machen wollen, sondern ein bis zum Jahr 411 nach Inhalt und Form vollendetes Werk aus einem Guss. Ganz zu dem gleichen Ergebnis würden wir gelangen, wenn wir eine dritte, übrigens nicht sehr naheliegende Möglichkeit annehmen wollten: Thukydides könnte ja selbst seinen Tod haben kommen sehen und entweder das Material für die Geschichte der letzten Kriegsjahre absichtlich vernichtet oder doch auf andere Weise Fürsorge getroffen haben, dass es nicht von fremder Hand zur Vollendung seines Werkes verwendet würde. Dies würde uns zu dem Schluss nötigen, dass er jedenfalls auch Fürsorge getroffen habe, dass das vollendete Werk so veröffentlicht würde, wie es aus seiner Hand hervorgegangen war. Und ebenso würden wir daraus folgern müssen, dass das Werk bis zum Jahre 411 nach des Geschicht- schreibers Meinung auch wirklich abgeschlossen in der Gestalt vorlag, in der es der Mit- und Nachwelt übergeben werden konnte. So führen uns alle Erwägungen immer von neuem zurück zu der Uberzeugung von der einheitlichen Ausarbeitung des geistesgewaltigen Geschichtswerkes.
Ich habe in vorstehenden Untersuchungen einen andern Weg eingeschlagen, als er sonst in Arbeiten über diese Frage verfolgt wird. Nicht Einzelerscheinungen sprachlicher oder sach- licher Art habe ich zusammengestellt und untersucht, um dadurch zu bestimmten Schlüssen zu ge- langen, sondern ich habe mich darauf beschränkt, die Gesamtanschauung von der Entstehung
¹) Thukydideische Forschungen. Wien 1881, S. 73—76.
²) Vgl. Stahl, Gött. Gel. Anz. 1882 B. I S. 91— 96. E. Lange, Thukydides und sein Geschichtswerk. Gütersloh 1893, S. 26. M. Wiesenthal, Quaestio Thucydidea Festschrift für L. Friedländer 1895, S. 456 ff. Übrigens hatte schon Gail im Philologue III, 300— 310 behauptet. Xenophon habe das Ende des Werks unter- schlagen. Auch nach A. F. Didot Nouv. piogr. générale B. 46(1866) S. 277— 310 hat Th. sein Werk bis 404 ganz vollendet, aber nicht durchgesehen.


