Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
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Widerspruch erfahren ¹), und es wundert mich nicht, dass sich gerade Anhänger der Ullrichschen IHIypothese sehr eifrig an dem Kampfe gegen das Phantom des Redaktors beteiligt haben.

Auch in dieser Frage kann ich auf die Besprechung der einzelnen Argumente, auf die sich die Herausgebertheorie stützt, nicht eingehen. Es genügt die Bemerkung, dass die Anstösse, die Junghahn und E. Schwartz zu finden meinten, nameatlich von Sörgel, G. Meyer und L. Herbst zum grössten Teil durch eine befriedigende Erklärung beseitigt sind, und dass die Behauptung von Wilamowitz, die Geschichte Athens verrenke sich, wenn man ihr die Darstellung unseres überlieferten Thukydidestextes zu Grunde legt, nicht nur durch die licht- vollen Erörterungen von Dduard Meyer in seinenForschungen zur alten Geschichte, sondern auch durch dessen eigene glänzende Darstellung dieses Zeitraums im 4. Band seiner Geschichte des Altertums nach allen Richtungen hin widerlegt ist.

Was aber die allgemeine Wahrscheinlichkeit der Herausgeberhypothese anlangt, so ist zunächst zu bemerken, dass es methodisch doch ein höchst bedenklicher Weg ist, wenn man Unklarheiten, Widersprüche, ja selbst Mängel eines literarischen Werkes, von dessen Ur- heber wir kein zweites Werk besitzen, durch die Annahme erklären will, dass neben dem Ver- fasser noch ein Anonymus mitgewirkt habe, auf den man alles zurückführt, was in dem Werk Anstoss erregt. Im Grund kommt dieses Verfahren doch auf eine petitio principii heraus. Man beruft sich dabei freilich auf seine Kenntnis des Verfassers oder der von ihm behandelten Dinge, aber diese ist doch auf dem Gebiet des Altertums stets recht mangelhaft und bedarf, sobald man nicht mehr das Werk selbst als massgebend ansieht, gar sehr der Ergänzung durch die Phantasie. In Wirklichkeit konstruiert man sich also ein Idealbild von dem Verfasser und seinem Werk und dekretiert danach: dies oder jenes kann nicht von ihm selbst herrühren. Wir können aber nicht a priori wissen, was einem Schriftsteller nach seiner Geistesart, seinem Plan und seinem Stoff zu schreiben möglich oder unmöglich war, sondern wir können dies nur aus dem Werke selbst lernen. Und es ist jedenfalls ein seltener Ausnahmefall, wenn entweder ganz augenscheinliche Diskrepanzen in Form oder Inhalt des Werkes, oder bestimmte anderweitige Zeugnisse es notwendig machen, das Eingreifen einer fremden Hand in die ursprüngliche Gestaltung des Textes in grösserem Umfang anzunehmen. Wenn wir aber bei einem Schriftsteller kein Recht haben, diesen unter allen Umständen bedenklichen Weg der Erklärung einzuschlagen, so ist dies Thukydides. Weder Form noch Inhalt seines Werkes legen dem unbefangenen Leser den Verdacht nahe, dass bei seiner Gestaltung noch ein zweiter seine Hand im Spiel gehabt habe, noch ist irgend ein anderer Beweis für eine solche Annahme vorhanden.

E. Schwartz meint freilich, schon eine sehr einfache UÜberlegung müsse uns zu der Annahme einer Überarbeitung durch den Herausgeber führen. Denn das Werk des Thukydides sei unfertig; ein unfertiges Werk aber gebe man nicht selbst heraus; folglich müsse es von einem andern herausgegeben sein; dann müsse sich aber dessen redaktionelle Tätigkeit irgendwie

¹) Sörgel, Die Reden bei Thukydides. Neue Jahrb. 1878(B. 117) S. 331 364. Derselbe ebenda S. 849 851. Derselbe, Blätter f. d. Bayer. Gymn.- und Realschulwesen 1880. J. Helmbold, Über die successive Entstehung des Thukyd. Geschichtswerkes. II. Teil: Widerlegung der Annahme einer Redaktion von fremder Hand. Erste Hälfte. Progr. Gymn. Mülhausen i. E. 1882. A. Bauer, Literar. Centralblatt 1887 Sp. 677. Stahl, Berliner Phil. Wochenschr. VIII, 167 f. Sitzler, Neue Philol. Rundschau 1887, S. 406 ff. Lipsius Leipziger Studien z. klass. Philologie 1885, VIII, S. 161 170. Derselbe, Neue Jahrb. B. 131, S. 675 679. A. Bauer, Der Herausgeber des Thukydides. Philologus B. 46, S. 458 490. L. Herbst, Philologus B. 46 S. 522 556. G. Meyer, Der gegenwärtige Stand der thukydideischen Frage. Progr. IIfeld 1889. G. Meyer, Bursians Jahresber. B. 79(1894) S. 164 192. E. Lange, Th. und die Parteien. Philol. B. 52(1894), S. 617. C. Boltz, Quaestiones de consilio quo Thucydides historiam suam conscripserit, Diss. inaug. Halle 1887, erklärt sämtliche Stellen des Werkes, in denen sich ein zusammenfassender Ausdruck für den ganzen Krieg findet, für Interpolationen, spricht sich aber dennoch gegen die Herausgeberhypothese aus. 5*