Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
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34 Anstössen, Wiederholungen und Durchbrechungen des Zusammenhanges aufweise, und dass sie auch als Ganzes nicht in dem Zusammenhang stehe, in den Thukydides selbst sie eingefügt haben würde. Daraus folgert er, dass das Werk in einer Überarbeitung vorliege, durch die ein unbekannter Herausgeber die von dem Geschichtschreiber hinterlassenen Konzepte, Disposi- tionen und Ausarbeitungen miteinander verbunden habe. Denn, so argumentiert er, es ist un- zulässig, mit Cwiklinski jene Anstösse durch die Annahme nachträglicher, von Thukydides selbst gemachter Zusätze zu erklären, weil man dadurch zu der Konsequenz genötigt würde, schwere Beschuldigungen gegen einen Geschichtschreiber zu erheben, dessen auf die Spitze getriebenes Streben nach Genauigkeit, dessen eiserne Konsequenz im Denken, dessen Bemühen, Stoff und Darstellung zu einem unauflöslichen Ganzen zu verschmelzen, noch niemand ungestraft in Zweifel gezogen habe. Man sieht, ganz die gleichen Erwägungen, die auch uns Cwiklinskis Anschauung von der Entstehung des Werkes als innerlich unmöglich erscheinen liessen. ¹)

Übrigens ist Wilamowitz nicht der erste gewesen, der Uberarbeitung des Werkes durch einen Herausgeber angenommen hat. Das gleiche hatte schon vor ihm E. A. Junghahn getan, der seit 1875 in einer Reihe von Aufsätzen ²) nachzuweisen versuchte, dass sich in den Reden des Thukydides ganz sinnstörende Gedanken vorfänden, die von einem scharfen Denker unmög- lich niedergeschrieben sein könnten. Ferner seien viele Teile des Werkes in einfacher und klarer Sprache geschrieben, andere Abschnitte aber, die etwa die Hälfte des Ganzen ausmachten, in einer dunklen, unklaren, holperigen Sprache, und zwar nicht nur Reden. Betrachtungen u. s. w., sondern auch einfach erzählende Abschnitte. Diese weitgehende Verschiedenheit der Sprache sei nicht durch die Annahme verschiedener Abfassungszeiten zu erklären, sondern nur durch die Annahme einer Überarbeitung von fremder Hand. Das Werk sei ursprünglich wohl in knapper Form angelegt gewesen und unvollendet geblieben; daher sei es gar nicht herausgegeben worden oder nicht recht durchgedrungen, bis endlich jemand, vielleicht ein Nachkomme des Thukydides, darauf gekommen sei, dem Werk durch Uberarbeitung grösseren Umfang und Aufputz zu ver- leihen. Dieser Mann sei mit möglichster Schonung des altertümlichen Rostes zu Werk gegangen und habe daher auch seine Zutaten auf Rechnung des ursprünglichen Autors gesetst.

Von andern Gelehrten haben nur wenige der Behauptung einer Redaktion von fremder Hand zugestimmt. ³) Zu erwähnen ist vor allem noch Müller-Strübing, der schon 1881 in dem überlieferten Thukydidestext Fälschungen eines blutdürstigen Interpolators nachzuweisen versucht hatte, und der nun die Herausgebertheorie mit Eifer aufnahm.) In den Berichten über innere Wirren auf Kerkyra III, 81 und IV, 47 findet er Variationen desselben Themas und be- hauptet, Thukydides habe dieselbe Sache zweimal erzählt, um die zweite Bearbeitung an die Stelle der ersten treten zu lassen, der Herausgeber aber habe in seinem pietätvollen, allerdings etwas stupiden Bemühen, nichts umkommen zu lassen, beide aufgenommen. So meint Müller- Strübingdie angeblich schon früher notorische Existenz des Herausgebers vielleicht doch noch notorischer zu machen. Im übrigen hat die Herausgeberhypothese durchweg sehr entschiedenen

¹) Ganz der gleiche Gedankengang auch bei Junghahn, Studien z. Th. Neue Folge S. 26.

¹) Die Reden bei Thukydides. Neue Jahrb. 1875(B. 111) S. 657 682. Nochmals die Reden bei Th. Neue Jahrb. 1878(B. 117) S. 691 694. Studien zu Thukydides. Neue Jahrb. 1879(B. 119) S. 353 402. Studien zu Thukydides, Neue Folge. Historisch-Kritisches, Exegetisches, Polemisches. Berliner Studien f. kl. Phil. B. V, Heft 3(1886).

¹) So rechnet mit Anderungen eines Herausgebers O. Gilbert, Philol. Anz. IX(1878) S. 34 und Franz Schröter, Ad Thucydidis librum VII quaestiones philologicae. Diss. inaug. Königsberg 1886. Auch Steig, Jahresber. des Phil. Vereins zu Berlin XIV, S. 24 stimmte Wilamowitz zu. Ferner W. Schmid, Zur Entstehung und Herausgabe des thuk. Geschichtswerkes. Philol. B. 49(1890), S. 16 ff., der Kratippos für den Herausgeber hält.

⁴¹) Thukydideische Forschungen. Wien 1881 S. 149 ff. Die kerkyräischen Händel bei Thukydides. Neue Jahrb. Bd. 133 S. 585 ff.