Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
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Komposition und Inhalt so stümperhafte Darstellung der Ereignisse zusammengefügt hat, die unser 1., 5. und 8. Buch bilden, warum sollen wir da nicht auch die beiden Proömien sowie die wenigen andern Stellen, auf die Ullrich seine ganze Hypothese aufgebaut hat, seinem schriftstellerischen Tatendrang zuschreiben? Nein, darüber ist kein Zweifel möglich: wenn das überlieferte Geschichtswerk wirklich schwere Mängel aufweist, so kann man die Erklärung entweder darin suchen, dass der Verfasser es unfertig hinterlassen habe, oder, wenn dies nicht alles zu erklären scheint, darin, dass ein Herausgeber Verwirrung angerichtet habe; mit dieser zweiten Annahme aber verzichtet man auf die Möglichkeit, über den Zustand, in dem der Schriftsteller sein Werk hinterlassen hat, aus diesem selbst etwas Bestimmtes zu erschliessen. Also entweder Ullrichsche Hypothese oder Herausgeberhypothese; aber beide neben einander sind unmöglich.

Damit ist natürlich nicht gesagt, dass man nicht gleichzeitig an die redaktionelle Tätigkeit eines Herausgebers und an die Unfertigkeit des von Thukydides hinterlassenen Werkes glauben könne. Ganz im Gegenteil: die Annahme eines Redaktors hat diejenige einer mangelhaften Ausarbeitung durch den Verfasser zur notwendigen Voraussetzung. Denn da irgend ein besonderer Zweck oder eine besondere Tendenz des angeblichen Redaktors nicht zu erweisen ist, so könnte der Grund für seine Tätigkeit nur darin gelegen haben, dass das hinterlassene Werk unausgearbeitet war. Die Argumentation ist also auf dem Standpunkt der Herausgeberhypothese folgende: In dem Geschichtswerk findet sich vieles, was nicht von Thukydides herrühren kann. Folglich hat ein Unbekannter das ursprüngliche Werk überarbeitet. Folglich muss es Thukydides bei seinem Tod in unausgearbeitetem Zustand hinterlassen haben. Aber man darf nicht mehr behaupten, aus dem Zustand des überlieferten Werkes direkt erwiesen zu haben, dass der Verfasser es zu verschiedenen Zeiten geschrieben und nicht mehr einheitlich redigiert habe.

Das ist der Grund, weshalb ich Wilamowitz als Bundesgenossen gegen Ullrich aufgeboten habe, und weshalb ich überhaupt jenen Schemen eines Herausgebers mit einer gewissen Genug- tuung begrüsse. Ich erblicke in der Herausgebertheorie die Bankerotterklärung der Ullrichschen Hypothese. Dass ich im übrigen jene für noch falscher halte als diese, brauche ich wohl nicht ausdrücklich zu sagen.

Dass man zu der Annahme einer tief eingreifenden Tätigkeit eines Herausgebers kommen konnte, ist völlig begreiflich. Wie wir gesehen haben, nötigte die Ullrichsche Hypothese, namentlich in der Gestalt, die Cwiklinski ihr gegeben hatte, dazu, dem Geschichtschreiber eine ganz unsinnige Arbeitsweise zuzutrauen. Er sollte nach 404 mehrere frühere Schriften ganz oberflächlich zusammengefügt haben, in der Meinung, auf diese Weise ein grosses Werk von unvergänglichem Wert über den Entscheidungskrieg der griechischen Geschichte zu schaffen; er sollte bei dieser Umarbeitung zudem das seltsamste Verfahren eingeschlagen haben, und er sollte vor allem den angeblich nach 421 geschriebenen ersten Teil eingehend überarbeitet und doch alle Mängel des früheren Entwurfs zu verbessern versäumt haben. Das konnte man auf die Dauer nicht glauben. Es hätten zwei ganz verschiedene Menschen in dem Leib des Ge- schichtschreibers wohnen müssen, wenn er wirklich so verfahren wäre. Da nahte als Retter in der Not die schwankende Gestalt des unbekannten Herausgebers. Man gab den zwei Seelen, wie es sich gebührt, auch zwei verschiedene Leiber und meinte, nun sei die Sache in Ordnung.

Dass man auf diesem Weg zu dem nach allem Vorausgegangenen recht nahe liegenden Gedanken eines fremden Redaktors gelangt ist, zeigen schon die angeführten Worte von Wila- mowitz, noch deutlicher aber die Ausführungen von Eduard Schwartz, der durch eine ein- gehende Untersuchung der Archäologie ¹) zu dem Resultate gelangte, dass sie eineFülle von

¹) Über das erste Buch des Thukydides. Rhein. Mus. Bd. 41 S. 203 222.