Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
Einzelbild herunterladen

32

Als Wilamowitz 1877 seine Thukydideslegende schrieb, meinte er noch die Schwierig- keiten des überlieferten Textes mit Cwiklinski durch die Annahme einer zu verschiedenen Zeiten erfolgten Abfassung des Werkes erklären zu können. Im Lauf der Jahre aber kam er namentlich durch chronologische Bedenken gegen die Darstellung des Thukydides zu der zuerst in denCurae Thucydideae 1885 ausgesprochenen Vermutung, dass ein andrer am Anfang des 4. Jahrhunderts aus den Papieren des Geschichtschreibers das unvollendete Werk herausgegeben habe.Nisi refutabor, fügt er hinzu,in huius hominis ingenio atque consuetudine explorandis cardo eius quaestionis vertetur, quam movit qui primus in Thucydide sapere ausus est Ullrichius. ¹) Bald darauf versuchte er gegen die Einwendungen von Lipsius seine Vermutung noch fester zu begründen in denThukydideischen Daten ²) und sprach sich da schon weit zuversichtlicher aus. Die Hoffnung, in dem Werke die Hand des Thukydides allein tätig zu sehen, sei trügerisch. Dass man in dem Text die Spuren eines Herausgebers finden könne und zum Teil schon gefunden habe, sei notorisch. Was dieser getan habe, das lasse sich nur aus dem Zustand des Werkes erschliessen, und dabei werde freilich eine andre nur erschlossene Grösse mit in Rechnung gesetzt, nämlich Thukydides selbst. Wer diesem grobe Fahrlässigkeit und Unredlichkeit zutraue, brauche keinen Herausgeber. Wenn man aber in Thukydides den Mann sehe, der die Geschichte der Jahre 431 bis 424 und der sizilischen Expedition mit einer so unvergleichlichen Wahrheit, Klarheit und Sachlichkeit erzählt habe, könne man ihm die lückenhafte und unklare Erzäühlung der Jahre 423 411 nicht zutrauen.Am wenigsten aber kann ich diesem Muster von Präaision das Ungeheuer von Komposition zutrauen, welches unser jetziges erstes Buch bildet: ein Konglomerat von ungefügen Stücken, Exkurse in Exkurse eingeschachtelt, Dubletten gewöhnlichen Schlages, Dubletten im Sinne der künstlerischen Komposition(eine solche ist die zweite Korintherrede), das Ganze zusammengebalten durch einen äusserst dürftigen Kitt. Der Aufsatz schliesst mit den Worten:Dass der Herausgeber nicht mehr als schlechten Mörtel zu liefern wusste, wollen wir ihm nicht verübeln; danken wir ihm doch alles, was wir haben. Aber dafür, dass jener es nicht besser konnte, soll Thukydides nicht büssen, und am wenigsten darf die Geschichte Athens sich verrenken, damit der Zerfall des Thukydideischen Wunderbaues vertrauensseligen Lesern kein Argernis bereite.

Nun ist mir sehr wohl bekannt, dass Wilamowitz trotz der Herausgeberhypothese auch in seinemAristoteles und Athen noch an der früher vertretenen Ansicht von einer verschiedenen Abfassungszeit der einzelnen Abschnitte des Geschichtswerkes festhält. Allein ich weiss nicht, ob er dabei bedacht hat, dass in dem Augenblick, wo man sich auf den Boden der Herausgeber- hypothese stellt, Ullrichs Annahme einer successiven Entstehung des Werkes jede feste Grund- lage entzogen ist. Denn diese Annahme stützt sich auf die Beobachtung gewisser Eigentümlichkeiten des überlieferten Textes. Selbstverständlich ist aber seine ganze Schlussfolgerung hinfällig, sobald man eine tief eingreifende Tätigkeit eines unbekannten Herausgebers annimmt. Deun dann hindert uns nichts, auch die von Ullrich gerügten Mängel des Textes diesem Unbekannten schuld zu geben. Wilamowitz hält ja diesen für den Urheber des ersten Buches, diesesUngeheuers von Komposition, sowie derlückenhaften und unklaren Erzühlung der Jahre 423 411, mit andern Worten des 5. und 8. Buches. Innerhalb dieser drei Bücher liegen aber sowohl die wichtigsten Anstösse, die Ullrich zur Aufstellung seiner Hypothese bewogen haben, z. B. die beiden Proömien, wie auch die angeblichen Widersprüche und Mängel, die seine Nachfolger und insbesondere Wilamowitz selbst für jene Hypothese ins Feld geführt haben. Wenn also jener unbekannte Unglücksmensch aus den hinterlassenen Papieren des Geschichtschreibers eine nach

¹) Curae Thucydideae. Ind. schol. Göttingen 1885 S. 18. ²) Hermes B XX S. 477 490.