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411— 404 am Ende des Werkes erhalten ist, so wenig kann auch das 8. Buch nur ein vor- läufiger Entwurf sein; und ebenso wenig die Geschichte des sizilischen Feldzuges, der unsicheren Friedenszeit und des archidamischen Krieges, mit denen jenes Buch in dem Nachlass des Ge- schichtschreibers doch eine deutlich erkennbare Einheit gebildet haben muss.
Freilich möchte ich die Bedeutung dieser Erwägungen nicht überschätzen. Um so entschiedener aber halte ich die Behauptung aufrecht, dass die Grundlage, auf der die gesamte Ullrichsche Hypothese aufgebaut ist, durch die weitere Untersuchung der in Betracht kommenden Fragen vollständig und endgiltig zerstört ist. Diese Grundlage war die Annahme, dass der erste Teil des Werkes deutliche Spuren an sich trage, aus denen hervorgehe, dass er nach 421 als besonderes Buch geschrieben sei. Da aber der Beweis erbracht ist, dass er in diesem Fall nach 404 gemäss dem erweiterten Plan des Geschichtschreibers eindringend überarbeitet sein müsste, so würden wir diesem etwas Widersinniges zutrauen, wenn wir dennoch allenthalben noch dem neuen Plan widersprechende Reste des früheren Buches finden wollten, und somit ist jene grundlegende Annahme UlIlrichs innerlich unmöglich. Dies empfinden auch seine Anhänger sehr wohl, und wührend Cwiklinski so konsequent war, eine vollständige UÜberarbeitung des früheren Werkes zu behaupten, ziehen die meisten es vor, nur von nachträglichen Zusätzen zu demselben zu sprechen. Man wird damit nichts erreichen. Denn tatsächlich sind die vier ersten Bücher des Thukydides eben nicht eine viele Jahre vor der letzten Durchsicht verfasste und später mit einigen Zusätzen versehene besondere Schrift, sondern das Ganze bildet eine wirkliche Einheit, so sehr nur ein Werk des Menschengeistes eine Einheit sein kann. Einheitlich ist es in den zahlreichen immer wiederkehrenden formelhaften Wendungen, einheitlich in dem gauz eigenartigen Stil der Geschichtschreibung, den Thukydides sich ausgebildet hat und streng fest- hält, einheitlich in seinen Anschauungen über Welt und Menschen, einheitlich auch in seinen Urteilen über Personen und Verhältnisse seiner Zeit, einheitlich vor allem in der grossartigen geschichtlichen Auffassung der dargestellten Ereignisse, die sich immer wunderbarer bewährt, je tiefer man in die Dinge eindringt.!) Gegenüber den vielfach so zuversichtlich auftretenden entgegengesetzten Behauptungen kann ich nur immer wieder auf die völlig überzeugenden Aus- führungen E. Meyers hinweisen, die ihn zu dem Urteil führen:„So schliesst sich Anfang und Mitte und Ende für den rückschauenden Historiker immer aufs neue zusammen zu der Einheit des einen grossen peleponnesischen Krieges.“ ²)
7.
Dass die Ullrichsche Hypothese in jeder Form unhaltbar sei, wird man mir im Lager ihrer Anhänger schwerlich so leicht zugeben wollen. Vielleicht macht es indessen auf diese etwas mehr Eindruck, dass auch einige der Ihrigen, und darunter einer, dessen Stimme weithin ge- hört wird, schon längst ganz das gleiche ausgesprochen haben. Es ist kein anderer als Wilamowitz, den ich jetzt als Verbündeten herbeirufe. Allerdings sehr gegen seinen Willen, wie ich fürchten muss. Trotzdem wird er nicht in Abrede stellen können, dass die Ullrichsche Hypothese im Gtrund erledigt ist, sobald man mit der Herausgeberhypothese Ernst macht.
¹) Auch E. Lange, Thukydides und die Parteien, Philol. B. 52(1894)§. 617 findet in unserm Werk eine in allen wesentlichen Punkten einheitliche politisch-soziale Anschauung.
²) Forschungen Zz. alten Gesch. II, 362. Derselbe Gelehrte urteilt S. 272, dass bei Thukydides wie kaum bei einem anderen Schriftsteller jeder Gedanke und jedes Wort aufs genaueste überlegt und in seiner Wirkung berechnet sei, und fragt mit Recht, wie viele moderne Werke es wohl geben möge, die, wenn man sie in ähn- licher Weise analysierte und jedes Wort auf die Goldwage legte, wie man es bei den Alten tue, die Feuerprobe auch nur annähernd so gut bestehen würden wie Thukydides.


