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die Ullrichianer unser 8. Buch gar nicht als ausgeführte Geschichtsdarstellung, sondern als einen ganz unfertigen vorläufigen Entwurf. Ist nun dieser angebliche Entwurf schon während des Krieges geschrieben, so sehe ich nicht, welcher Unterschied bestehen könnte zwischen ihm und der vorläufigen Aufzeichnung der Ereignisse, wie sie der Geschichtschreiber unbedingt bis zum letzten Kriegsjahr sich gemacht haben muss, und ich vermisse jede Erklärung dafür, warum Thukydides jenen angeblichen Entwurf einer Darstellung der letzten Kriegsjahre nicht voll- ständig bis zum Schluss an seine früheren Geschichtsbücher angehängt hat, und warum also das uns vorliegende Werk nicht bis 404 reicht.
Dieses plötzliche Abbrechen des Geschichtswerkes mitten in den Ereignissen des Jahres 411 ist überhaupt für sich allein schon fast ausreichend, um die Ullrichsche Hypothese in der Gestalt, die ihr Cwiklinski und seine Nachfolger gegeben haben, als ganz und gar unmög- lich erscheinen zu lassen. Wir sehen hier, dass UIIrich und seine Anhänger strenger Observanz, wie Kirchhoff, sehr wohl wussten, was sie taten, als sie daran festhielten, dass der ganze zweite Teil des Werkes erst nach 404 geschrieben sei. Dass der Schriftsteller mitten in der Erzählung mit den Worten aufhört νο H&ᷣανενοςσ τ‿οo 8 Epso? Soiav O,ato T, Apts. das nötigt jeden Leser zu dem Schlusse, dass ein plötzlich eingetretenes Ereignis ihn an dieser Stelle am Weiterschreiben gehindert hat. Es mag sein, dass alle Nachrichten der Alten über einen gewaltsamen Tod des Historikers nur ein Schluss aus dieser Tatsache sind. Aber so viel müssen doch auch wir vernünftigerweise daraus schliessen, dass er an dieser Stelle vom Tod überrascht worden ist. Die angeführten Worte müssen das letzte sein, was er an seinem Werke geschrieben hat. Anders ist das plötzliche Abbrechen gar nicht zu erklären. Vor allem ist Jwiklinskis Behauptung ganz unglaublich, der Schriftsteller habe hier eingehalten, um nun sein ganzes Werk zu überarbeiten. Wollte er nach 404 frühere Schriften zu einem Werk zu- sammenarbeiten, so hätte er das sofort getan und dann erst das umgearbeitete Werk fortgesetzt, und zwar so, wie es endgiltig werden sollte. Fühlte er aber wirklich das sonderbare Bedürfnis, vor der Umarbeitung des Vorhandenen von den Ereignissen der letzten Kriegsperiode, die er während des Krieges schon bis zum Jahre 404 vorläufig aufgezeichnet hatte, nochmals einen andern vorläufigen Entwurf zu machen, so führte er dann diesen Entwurf auch wirklich bis zu Ende oder zum allermindesten bis zu einem Abschnitt der Freignisse aus, ehe er zur Aus- arbeitung des Gesamtwerkes schritt.
Der Umstand, dass die Thukydideische Geschichte bis zum Jahre 411 in einer, wie selbst die Anhänger Ullrichs nicht bestreiten dürften, immerhin zusammenhängenden und sogar ganz lesbaren Gestalt vorliegt, und dass alle Vorarbeiten für die Darstellung der Jahre 411 bis 404, die er unbedingt gehabt haben muss, nicht erhalten sind, erlaubt uns doch überhaupt wohl be- stimmtere Schlüsse auf die Arbeitsweise des Schriftstellers, als jene sich dies klar machen. Wäre er nicht VIII, 109 plötzlich am Weiterschreiben gehindert worden, so hätte er auch die Ereig- nisse von 411 an mit Benutzung seiner Vorarbeiten auf der besonderen Buchrolle, die das aus- gearbeitete Werk aufnahm, in endgiltiger Form dargestellt, und ebenso ist auch das 8. Buch auf Grund vorläufiger Aufzeichnungen auf jener Rolle von ihm ganz neu geschrieben worden.¹) Denn hätte seine Arbeit nur darin bestanden, dass er in einem schon vorhandenen Entwurf einer Darstellung der letzten Kriegsjahre einzelne Zusätze, Berichtigungen, Umstellungen u. dgl. vor- genommen hätte, so hätte sich dieser Entwurf doch als zusammenhängendes Ganzes in seinem Nachlass vorgefunden und wäre daher, wenn auch immerhin im letzten Teil in mangelhafter Gestalt, auf die Nachwelt gekommen. So wenig aber ein Entwurf der Geschichte der Jahre
¹) Beiläufig sei bemerkt, dass Nissen, Histor. Zeitschr. B. 63(1889) S. 423 den V, 25 bemerklichen Einschnitt damit in Verbindung bringt, dass Th. sein ganzes Werk auf zwei Rollen verteilt habe.


