Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
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these im Einzelnen keineswegs allgemeine Zustimmung gefunden. Schon seiner Hauptthese, dass die Geschichte des sizilischen Feldzugeswährend des Krieges als selbständiges Werk ge- schrieben sei, haben sie nur zum Teil zugestimmt.¹) Andere haben dieselbe abgelehnt und sind bei Ullrichs Ansicht verharrt, dass der ganze zweite Teil des Geschichtswerkes erst nach 404 geschrieben sei.) Aber auch diejenigen, die Cwiklinskis Hauptthese annehmen, weichen doch zum Teil von ihm darin ab, dass sie auch das 5. und das 8. Buch schon während des Krieges geschrieben sein lassen, wie Breitenbach, Wilamowitz und G. Friedrich.) So hat zuletzt Friedrich im Jahre 1897 folgende komplizierte Hypothese aufgebaut: Thukydides schrieb zuerst den archidamischen Krieg und veröffentlichte ihn um 418. Darauf begann er die Beschreibung des sizilischen Feldzuges, den er anfangs für einen ganz andern Krieg hielt, dann aber wie auch die unsichere Friedenszeit als Fortsetzung des früheren Krieges erkunnte, und beendete nun den sizilischen Feldzug als Fortsetzung seines älteren Werkes. Iierauf be- schrieb er noch während des Krieges die Jahre 421 415 und 412 411 und hatte dabei noch immer vor, die Geschichte der Ereignisse seit 421 als besonderes Werk zu veröffentlichen. Als er bis 411 gekommen war, ging der Krieg zu Ende und kehrte er nach Athen zurück. Nun änderte er seinen Plan und verband alles Geschriebene zu einem einheitlichen Gesamtwerk. Bei dieser Gelegenheit schrieb er die verbindenden Kapitel V, 20 26 und legte eine Anzahl Stellen ein, wie I, 89 118, I, 120 124, II, 65 u. n.

Ich habe vorhin selbst die Meinung geäussert, dass es vom Standpunkt der UlIrichschen Hypothese aus nur folgerichtig sei. wenn man sich alle 8 Bücher schon während des Krieges geschrieben denke, und ohne Zweifel werden durch diese Annahme einige der oben besprochenen Unwahrscheinlichkeiten in Cwiklinskis Anschauung beseitigt. UÜber die schon zur Genüge er- örterte Unmöglichkeit, dass eine(ieschichte des archidamischen Krieges um 418 als fertiges Buch veröffentlicht worden sei, will ich nicht weiter reden. Dass aber von Thukydides während des Krieges Bücher über seine verschiedenen Abschnitte abgefasst worden sein können, ist natürlich als möglich zuzugeben. Wenn jedoch nun die Ullrichianer behaupten, dass das ganze Werk, wie wir es haben, nach 404 einfach aus diesen während der Ereignisse aufgesetzten vier Schriften zusammengefügt sei, so ergibt sich eiun neues gewichtiges Bedenken. Denn zwar die Schriften über die drei ersten Abschnitte des Krieges konnten möglicherweise schon vor 404 eine einiger- massen abgeschlossene Gestalt besitzen, aber auf keinen Fall doch die Schrift über den dekeleischen Krieg, der noch im vollen Gang war. Natürlich muss sich Thukydides auch über diesen schon wührend der Ereignisse Aufzeichnungen gemacht haben; aber diese müssen natürlich bis zum Jahr 404 gereicht haben, und nicht nur bis 411. Dass er nach Ausarbeitung der Sehriften über den sizilischen Feldzug und die Friedensjahre in der allerletzten Zeit des Krieges noch den Anfang damit gemacht habe, auch die letzte Kriegsperiode in einem abschliessenden Werk darzustellen, und damit im Jahr 404 bis 411 gekommen sei, ist doch ganz unglaublich. Auch betrachten ja

¹) Dies tun z. B. J. Ippel, Quaest. Thucydideae. Diss. inaug. Halle 1879. G. Meyer, Quibus tempor. Thucydides historiae suae partes scripserit. Progr. IIfeld und Diss. inaug. Jena 1880. H. L. Schmitt, Quae- stiones chronologicae ad Thuc. pertinentes. Diss. inaug. Leipzig 1882. G. Meyer, Der gegenwärtige Stand der Thukyd. Frage. Gymn.-Progr. IIfeld 1889. Wilamowitz, Thukydideslegende. Hermes XII S. 337.

²) So Sittl. Gesch. d. griech. Literatur II. 1886. S. 405 409. A. Kirchhoff, Thukydides und sein Urkundenmaterial. Berlin 1895. Nach diesem sind die ersten Bücher bis V, 20 vor 404 in der Fremde geschrieben, V. 25 VIII nach 404 in Athen, die Kapitel V. 21 24 ein wenig passendes Füllstück. Im wesentlichen ebenso Wachsmuth, Einl. in d. Stud. d. alten Gesch., 1895, S. 517 529. Vom unitarischen Standpunkt aus haben sich gegen Cwiklinski erklärt L. Herbst, Philologus B. 40, S. 353 370. J. N. Fischer, Zeitschr. f. d. österr. Gymn. B. XXXII(1881), S. 241 260. J. Faber, Quaestiones Thucydideae. Diss. inaug. Marburg 1885.

³) S. o. S. 11 Anm. 3. G. Friedrich, Die Entstehung des Thukydideischen Geschichtswerkes. N. Jahrb. f. kl. Phil. B. 155(1897), S. 175 188 und 243 256.