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Natürlich ist dies für die Stellungnahme gegenüber der Ullrichschen Hypothese von grösster Bedeutung. Denn diese würde die sichersten Stützen gewinnen, wenn es wirklich er- wiesen wäre, dass das 5. und 8. Buch noch in ganz unfertigem Zustand vorliegen. Insbesondere ist die Annahme einer mangelhaften Ausarbeitung des 5. Buches mit der unitarischen Auffassung des Thukydides meines Erachtens unvereinbar. Etwas anders liegt die Sache allerdings beim 8. Buche. Auch dieses muss freilich nach unserer Anschauung in Hinsicht auf Inhalt und ge- samte Komposition in der Gestalt vorliegen, in der es Thukydides veröffentlichen wollte. Da er aber augenscheinlich während der Abfassung dieses Buches gestorben ist, so wäre es immerhin möglich, dass in einzelnen Stellen kleine Unebenheiten des Ausdrucks stehen geblieben sind. Denn so verfährt im allgemeinen jeder Schriftsteller, dass er einen grösseren oder kleineren Abschnitt in einem Zug niederschreibt und sodann bei nochmaliger Durchsicht Verschreibungen und sonstige Flüchtigkeiten beseitigt; und auch bei der UÜberzeugung von einer völlig einheit- lichen Komposition des Werkes könnte man annehmen, dass der Verfasser vielleicht das 8. Buch oder wenigstens den letzten Teil desselben nicht mehr durchgesehen habe. In der Tat haben selbst Männer wie Krüger und Classen sich dahin ausgesprochen, dass im 8. Buche mehr als in den übrigen die letzte Durchsicht des Verfassers vermisst werde ¹), und es sei hier- mit betont, dass darin natürlich ein Widerspruch gegen die unitarische Auffassung nicht ge- funden werden kann.
6.
Wir kehren zu der Hauptfrage zurück. Wir haben gesehen, dass Cwiklinski die Tatsache, dass das angeblich mangelhaft ausgearbeitete 5. Buch vor der glänzend geschriebenen Geschichte des sizilischen Krieges steht, durch die Annahme zu erklären suchte, dass die letzt- genannte als selbständiges Werk bald nach 413 entstanden sei. Aber gesetzt auch, dass das 5. Buch wirklich weniger ausgearbeitet wäre, als die andern, so ist doch seine weitere Behauptung willkürlich, dass es deshalb erst nach 404 geschrieben sei. Die behauptete Tatsache würde sich ebenso gut erklären durch die Annahme, dass es schon während des Krieges entstanden, aber unfertig liegen geblieben und nach 404 nicht mehr überarbeitet worden sei. Und das gleiche würde für das 8. Buch gelten, wenn wirklich der Beweis seiner Unfertigkeit erbracht wäre- Wenn demnach die Ullrichsche Hypothese erwiesen, wenn auch die Existenz eines selbständigen Werkes über den sizilischen Krieg glaubhaft gemacht, und wenn schliesslich die mangelnde Vollendung des 5. und 8. Buches dargetan wäre, so würde sich daraus noch nicht ergeben, dass die allmähliche Entstehung gerade so verlaufen ist, wie Cwiklinski es sich vorstellt. Vielmehr würde es meines Prachtens folgerichtiger sein, es sich so zu denken, dass Thukydides im Jahre 404 vier angefangene und unfertige Geschichtsbücher da liegen hatte: eines über den zehnjährigen, eines über den sizilischen, eines über den dekeleisch-ionischen Krieg, eines über die Friedensjahre. Er fing dann an, sie zu einem grossen Werk zusammenzuarbeiten, hat aber nur die Geschichte des zehnjährigen und in geringerem Masse die des sizilischen Krieges noch vollenden können.
In der Tat hat die Ansicht Cwiklinskis auch bei den Anhängern der Ullrichschen Hypo-
Hand daran gelegt habe. Vgl. F. Schröter, Ad Thucydidis librum VII quaestiones philologicae, Diss. inaug. Königsberg 1886. Und welches Buch der Welt würde auch vor der kritischen Sonde bestehen, wenn sie mit der nötigen Gründlichkeit gehandhabt wird!
¹) Krüger schon in Dionysii Halic. Historiograph. S. 251, und im Leben des Thukydides, Krit. Anal. Heft 1. S. 79. Classen, Thuk. B. Is S. LXXXVI, B. VIII S. XII—XXVI. Insbesondere hat Classen zu be- weisen versucht, dass der Geschichtschreiber das 8. Buch unrevidiert und daher mit zahlreichen Ungenauigkeiten behaftet hinterlassen habe, und dass man in alexandrinischer oder römischer Zeit eine verbesserte Recension gemacht habe. die im Vaticanus vorliege. Cüppers a. a. O. hat jedoch auch diese Mängel mit guten Gründen in Abrede gestellt.


