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schreiber den Vorwurf erhoben, dass er namentlich in der Darstellung der Ereignisse des 5. Buches weit entfernt sei von der ihm nachgerühmten Objektivität und Unparteilichkeit, dass er vielmehr durch absichtliches Verschweigen wichtiger kriegerischer und namentlich innerpolitischer Vorgänge dem Leser ein ganz entstelltes Bild der Zeitgeschichte entwerfe.„In der Tat, Thukydides ist gross im Schweigen“, ruft er aus. Mit der Beschuldigung der bewussten Unter- drückung der Wahrheit hat er kaum jemand überzeugt; aber die von ihm behaupteten Mängel der Thukydideischen Darstellung schienen doch vielen tatsächlich vorhanden zu sein und einen neuen Beweis für die Unfertigkeit des Werkes zu bilden. Und nun kam A. Kirchhoff und versuchte in einer Reihe von Untersuchungen, die in den Berichten der Berliner Akademie 1880 bis 1890 erschienen sind, ¹) den Nachweis, dass Thukydides infolge seines Exils die drei Urkunden des Waffenstillstandes von 423(IV, 118 f.), des Friedens des Nikias(V, 18 f.) und des Bündnisvertrags zwischen Athen und Sparta(V, 23 f.) bei der Erzählung der betreffenden und auch noch der folgenden Ereignisse im Wortlaut nicht gekannt, sondern sie erst nach 404 in sein Werk eingelegt, aber noch nicht in die Erzählung eingearbeitet habe, so dass Wider- sprüche und Lücken in derselben festzustellen seien. Und was das 8. Buch anlangt, so behauptete namentlich Ludwig Holzapfel, dass in ihm mehrfach verschiedene Berichte über die nämlichen Begebenheiten vorlägen, aus denen der Geschichtschreiber ein einheitliches Bild herzustellen noch nicht vermocht habe, so dass er sogar mitunter denselben Vorgang doppelt berichte. ²) Schliesslich wies Wilamowitz auf die grosse Verschiedenheit hin, die zwischen des Thukydides Bericht über die oligarchische Revolution von 411 und der Darstellung des Aristoteles in der Schrift vom Staat der Athener besteht, und betonte, dass diese augenscheinlich auf Grund der Urkunden Thukydides zu berichtigen bestimmt sei.¹) Zu demselben Ergebnis über die Geschichte der athenischen Oligarchie von 411 gelangte auch Ulrich Köhler.¹) Aus alledem zog man den Schluss, dass das 5. und das 8. Buch noch in ganz unfertigem Zustande vorliegen.
Auch auf diese Untersuchungen kann hier nicht näher eingegangen werden. Es genüge hier die Bemerkung, dass die Beweisführung der genannten Gelehrten namentlich von E. Meyer sorgfältig nachgeprüft und die Darstellung des Thukydides in einer meines Erachtens völlig überzeugenden Weise gerechtfertigt worden ist. 5) Wenn ich mich hier also darauf beschränke, Autorität gegen Autorität zu stellen, darf ich noch hinzufügen, dass in solchen Dingen, bei denen es sich um die geschichtliche Auffassung der von Thukydides erzählten Ereignisse handelt, das Urteil des Historikers doch wohl schwerer wiegt als das des Philologen. Natürlich bin ich mir wohl bewusst, mit allem Gesagten die Frage nach dem Zustand der beiden genannten Bücher nicht erörtert, sondern eben nur gestreift zu haben. Was ich damit beweisen wollte und in dieser Untersuchung allein beweisen konnte, das ist die Tatsache, dass wir uns in der allerbesten Ge- sellschaft befinden, wenn wir in Abrede stellen, dass irgend welcher Nachweis für eine mangel- hafte Durcharbeitung jener Bücher erbracht sei. 6)
¹) Gesammelt unter dem Titel: Thukydides und sein Urkundenmaterial, Berlin 1895.
²) Doppelte Relationen im 8. Buche des Thukydides. Hermes Bd. XXVIII(1893) S. 435—464.
³) Aristoteles und Athen I, 99 ff., II, 113 ff., II, 356 ff.
4) Die athenische Oligarchie des Jahres 411. Berichte der Berliner Akademie d. W. 1895. I S. 451— 468. Vgl. auch Rohrmoser, Über die Einsetzung des Rates der Vierhundert nach Aristoteles HIoltreia AO"wafam. Wiener Studien XIV S. 323.
⁵³) Forschungen zur alten Geschichte B. II, 1899, S. 283— 296, 364— 579, 409 f., 411— 436. Vgl. dazu auch Wachsmuth, Einl. in d. Studium d. alten Gesch., 1895, S. 517 ff., und für die Ereignisse des Jahres 411 Beloch, Griech. Gesch. II Strassburg 1897 S. 62 ff.
³) Es ist interessant, dass gelegentlich auch einmal jemand auf den Gedanken gekommen ist, das 7. Buch des Thukydides, das Macaulay als das„ne plus ultra of human art“ bezeichnet hat, kritisch zu unter- suchen, und zu dem Resultat gelangt ist, dass es mangelhaft ausgearbeitet sei und dass Th. nicht die letzte
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