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einer zu weit gehenden Konivenz gegen andere Anschauungen, aber nicht aus zwingenden sachlichen Gründen begreifen. Dass man freilich von seiten der Anhänger der UlIrichschen Hypothese die behauptete Unfertigkeit des 5. wie des 8. Buches sehr eifrig zum Beweis heran- gezogen hat, ist begreiflich genug. Wenn man jene Bücher für unvollendet hält, so fusst dies im Grunde auf der zu allen Zeiten bemerkten Tatsache, dass sowohl der Hauptmasse des 5. Buches wie auch dem 8. die direkten Reden fehlen. Man hat daraus den Schluss gezogen, dass diese Bücher nur in einem vorläufigen Entwurf vorliegen, dass Thukydides sich einstweilen mit Argumenten zu Reden in indirekter Form begnügte und die Absicht hatte, bei der endgiltigen Umarbeitung an ihrer Stelle ausgeführte direkte Reden einzusetzen, woran er durch den Tod gehindert worden sei. Doch hat man auch im übrigen in jenen beiden Büchern Spuren einer mangelnden stilistischen und inhaltlichen Vollendung zu finden gemeint.
Es ist mir natürlich nicht möglich, im Rahmen dieser Untersuchung alle diese Fragen eingehend nachzuprüfen. Ich muss mich auf die Bemerkung beschränken, dass der Behauptung von der Unfertigkeit der genannten Bücher doch zu allen Zeiten von sehr sachverständigen Beurteilern sehr entschieden widersprochen worden ist, und dass dieser Widerspruch mehr und mehr durchzudringen scheint. Was insbesondere das Fehlen der direkten Reden anlangt, so wird man denen zustimmen dürfen, die es aus dem Inhalt der betreffenden Abschnitte erklären, wie dies schon Niebuhr, Krüger und Ritter getan haben, später Classen und Stahl, und neuerdings mit besonderem Nachdruck E. Meyer. ¹) Denn man sollte doch nicht verlangen, dass Thukydides mit der Elle misst und alle vierzig Kapitel eine Rede einlegt, sondern fragen, ob in jenen Abschnitten der Gang der Ereignisse nach seinem sonstigen historiographischen Verfahren eine Rede erfordere; und das stellen die genannten Gelehrten mit gutem Grund in Abrede. Übrigens finden sich auch abgesehen von jenen beiden Büchern längere Abschnitte ohne Demegorieen, wie z. B. VI, 93 bis VII, 60(73 Kapitel). Und was wäre das für eine seltsame Arbeitsweise, fragt E. Meyer mit Recht, erst eine völlig erschöpfende, inhaltlich und stilistisch vollendete Darstellung auszuarbeiten und sie dann über den Haufen zu werfen, um nur nachträglich direkte Reden einfügen zu können! ²) In sehr gründlicher Weise hat namentlich Cüppers die Frage nach dem 8. Buch in einer aus der Schule Stahls hervorgegangenen Dissertation untersucht und ist zu dem Resultat gelangt, dass es nicht weniger ausgearbeitet sei als alle andern Bücher ³). Im allgemeinen wird man danach zu der Behauptung berechtigt sein, dass der Versuch, die Unfertigkeit des 5. und 8. Buches aus Eigentümlichkeiten des Ausdrucks und der Darstellung zu erweisen, misslungen ist.
Nun hat man aber gerade im vergangenen Jahrzehnt in jenen Büchern sehr schwere inhaltliche Mängel nachweisen zu können geglaubt. Schon vor 30 Jahren hatte Müller-Strübing in seinem vielgenannten Buche„Aristophanes und die historische Kritik“ gegen unsern Geschicht-
¹) Niebuhr, Vorträge über alte Geschichte II S. 42 f.„Soweit das achte Buch vollendet, ist es von ihm geschrieben, so gewiss, wie die ersten sieben, und zwar so, wie es werden sollte... Auch die Demegorieen mussten wegfallen: sie wären ganz an unrechter Stelle gewesen.“ Derselbe, Rhein. Mus. I S. 198.— Ritter, Das Leben des Thucydides, aus Scholien zur Thucydideischen Geschichte geschöpft von Marcellinus. Rhein. Mus. N. F. III(1845) S. 357.— Krüger. Leben des Thukydides= Kritische Analekten Heft 1, S. 79.— Classen, Thukydides B. Is S. LXXXV f.; B. VIII S. I u. IX ff.— Stahl, De Thuc. vita et scriptis, in seiner Textausgabe 1873, S. XVI I.— E. Meyer, Forschungen zur alten Geschichte II S. 363 ff., 406 ff.
²) A. a. O. S. 408 Anm. Die hier zurückgewiesene Anschauang in neuerer Zeit zuerst bei Roscher, Leben. Werk und Zeitalter des Thukydides 1842 S. 162 f. Ebenso Mewes, Progr. d. Ritterakademie zu Branden- burg 1868 S. 17 ff. Breitenbach, Jahrb. f. Phil. 1873 S. 185 ff. Fellner, Forschung und Darstellungsweise des Thukydides. Gezeigt an einer Kritik des achten Buches. Wien 1880.
³) F. J. Cüppers, De octavo Thucydidis libro non perpolito. Diss. inaug. Münster 1884.— Für das 5. Buch kommt zu dem gleichen Ergebnis J. Faber, Quaestiones Thucydideae. Diss. inaug. Marburg 1885.


