Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
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Auf diese Unklarheit in der Anschauung eines so hochverdienten Thukydidesforschers musste ich hier hinweisen, weil dies für die Beurteilung der gesamten Streitfrage von Bedeutung ist. Denn nimmermehr hätte die Ullrichsche Hypothese in den letzten 25 Jahren so allgemeine Geltung erlangt, wenn der umsichtigste und feinsinnigste Vertreter der unitarischen Ansicht über den eigentlichen Streitpunkt und damit über die Abgrenzung seiner eigenen Ansicht sich völlig klar gewesen wäre. Da dies nicht der Fall war, liess er sich durch das übel angebrachte Bestreben, zwischen den entgegenstehenden Anschauungen möglichst zu vermitteln, dazu verleiten, gegnerische Behauptungen zu adoptieren, die mit der unitarischen Auffassung des Geschichts- werkes unvereinbar sind.

Denn dass er durch zwingende Gründe zu jenem Urteil über das 5. Buch veranlasst worden sei, müssen wir nach einer Prüfung seiner Ausführungen in Abrede stellen. Er gelangt nach einem kurzen UÜberblick über den Inhalt des 5. Buches selber zu dem Ergebnis, dass es als ein wohlangelegtes Zwischen- und Bindeglied zwischen den beiden Hauptpartieen des Geschichts- werkes erscheine und im ganzen eine ebenso klare und befriedigende Einsicht von dem behandelten Stoff gewähre wie die übrigen Bücher. Nur zweierlei fällt ihm auf: erstens die lebhafte Anteil- nahme für Sparta und die eingehende Genauigkeit und Ausführlichkeit der Erzählung, und zweitens eine gewisse Ungleichmässigkeit des Ausdrucks und das Vorhandensein kurzer, in einen fremdartigen Zusammenhang eingeschobener Notizen. Das eine erklärt er aus der Eigenart der hier benutzten Quellen; Thukydides habe seine Nachrichten über die Ereignisse jener Jahre wührend seiner Verbannung durch seinen Verkehr mit einflussreichen Männern im Peloponnes erlangt; dadurch habe sich aber der Ton seiner Darstellung geändert, insofern er in den vier ersten Büchern mit seiner ganzen Teilnahme in Athen stehe, während diese im 5. Buche hinter dem Interesse an den Unternehmungen der peloponnesischen Staaten zurück- trete. Aber soll sich daraus wirklich, wie Classen meint, die Wahrscheinlichkeit ergeben, dass er die ihm zugegangenen Nachrichten, wie er sie an Ort und Stelle aufgezeichnet habe, im ganzen unverändert in den Zusammenhang aufgenommen habe? Ich glaube nicht, dass jemand dieser Folgerung zustimmen wird.¹) Es bleiben also neben diesen Ungleichheiten in der Dar- stellung nach Classens Behauptung noch einige Schwierigkeiten im Ausdruck übrig, die sich aberbei wiederholter Überlegung und Prüfung des Zusammenhangs ganz oder grösstenteils ebnen und lösen. Nun, wenn sie sich dann ebnen und lösen, ist es ja gut, und auch dieser Umstand berechtigt nicht zu dem Urteil, dass das 5. Buch mangelhaft durchgearbeitet sei. Ganz willkürlich ist aber Classens weitere Folgerung, dass Thukydides nach 404 die Darstellung des unsicheren Friedens erst nach der Ausarbeitung des zehnjährigen Krieges und des sizilischen Feldzuges überarbeitet und zwischen jenen beiden eingefügt habe. Denn gesetzt auch, dass das 5. Buch wirklich weniger sorgfältig durchgearbeitet wäre, so wird dies doch in keiner Weise dadurch besser erklärt, dass man annimmt, es sei erst nach dem 6. und 7. Buch durchgesehen worden. Höchstens könnte man vermuten, Classen finde die mangelnafte Bearbeitung des 5. Buches erklärlich bei der Annahme, dass sie erst in der letzten Lebenszeit des Geschichtschreibers erfolgt sei, als seine Kraft auf die Neige gegangen sei. Aber davon sagt er kein Wort, und so kann sein Gedankengang auch nicht sein, da ja nach seinen Worten nach der Uberarbeitung des 5. Buches noch die vollständige Abfassung des 8. erfolgt ist, und da dieses nach seiner Ansicht in allen wesentlichen Zügen den übrigen ebenbürtig ist. ²)

Demnach lässt sich Classens Erörterung über das 5. Buch meines Erachtens nur aus

¹) G. Friedrich, Jahrb. f. kl. Phil. B. 155(1897) S. 246 ff. folgert daraus gerade, dass das 5. Buch auf nachträglichen Ermittelungen beruhe. ²) Vorbemerkungen zum 8. Buch, 1878, S. XII.