21
die handschriftliche UÜberlieferung ist. Die genannte Stelle IV. 48, 5 stellt allerdings einer befriedigenden Erklärung die grössten Schwierigkeiten in den Weg, aber so viel ist sicher, dass diese durch die Ullrichsche Hypothese nicht beseitigt werden. Bekanntlich liegen sie darin, dass nach Diodor XIII, 48 im Jahre 410 wieder eine Revolution in Kerkyra stattgefunden hat, dass Thukydides mit jenen Worten anscheinend auf diese spätere Revolution anspielt, und dass dann mit rov xονμέκνε tévds nicht der ganze peloponnesische, sondern der zehnjährige Krieg ge- meint sein müsste. Allein wenn das wirklich der Fall ist. so ist die Stelle natürlich nach dem Jahre 410 geschrieben, zu einer Zeit, wo Thukydides unter allen Umständen schon die Absicht gehabt haben muss, auch den sizilischen und dekeleischen Krieg mit dem archidamischen zu- sammen in einem einheitlichen Werk darzustellen. Dass er den letztgenannten nun damals in einem nachträglichen Zusatz zu seinem früher geschriebenen Buch einfach als rhv xννρνμαοσν Tονοε bezeichnet haben soll, das wäre genau so auffallend, als wenn er ihn in einer nach 404 ganz neu geschriebenen Geschichte des peloponnesischen Krieges so bezeichnete. Eine völlig befriedigende Drklärung der Stelle ist meines Wissens bisher noch niemand gelungen. ¹)
Indessen hat E. Meyer entschieden darin recht, dass die unitarische Auffassung des Thukydideischen Geschichtswerkes selbst dann noch zu Recht bestände, wenn dem Geschicht- schreiber an der einen oder andern Stelle ein solches Versehen begegnet wäre. Hier will ich nebenbei auch darauf hinweisen, dass sprachliche Unterschiede zwischen verschiedenen Abschnitten des Geschichtswerkes für unsere Frage nicht das geringste beweisen können, da wir ja nicht behaupten, dass es nach 404 aus dem Nichts entstanden, sondern dass es aus mehr oder weniger ausgeführten früheren Aufzeichnungen zusammengearbeitet worden ist, wobei ganze Abschnitte in der Hauptsache unverändert geblieben sein können. Es ist also aussichtslos, von Unter- suchungen über den Sprachgebrauch einzelner Teile des Geschichtswerks eine Entscheidung über unsere Frage zu erwarten. ²)
4.
Cwiklinski ist auch derjenige, der zuerst die Ansicht ausgesprochen hat, Thukydides habe den sizilischen Feldzug ebenfalls schon bald nach seinem Ende in einem selbständigen Werk dargestellt und dieses nach dem Frieden des Lysander in die Gesamtgeschichte des pelo- ponnesischen Krieges eingearbeitet. 8) Danach macht er sich von der Entstehung des Geschichts- werkes folgendes Bild: Nach dem Frieden des Nikias schrieb Thukydides in den Jahren 421 bis etwa 415 die ganze Geschichte des archidamischen Krieges(bis V, 24). Darauf stellte er nach der Katastrophe in Sizilien den Verlauf der sizilischen Expedition in einem be- sonderen Buche dar, das jedenfalls vor 404 entstanden ist. Nach dem Frieden des Lysander erzählte er zunächst die Ereignisse der Jahre 421 bis 416(Buch V). Darauf fügte er in der Geschichte des sizilischen Feldzuges die Erzählung der Begebenheiten ein, die sich während desselben in Griechenland zugetragen hatten, da er jetzt den Kampf in Sizilien als Teil des ganzen Krieges behandeln wollte. Sodann schrieb er die Ereignisse der Jahre 412 und 411 (Buch VIII). Nachdem er damit zu Ende war, ging er daran, sein ganzes Geschichtswerk von Anfang an zu überarbeiten, und er vollendete auch wirklich die vier ersten Bücher und fügte in ihnen bei dieser Gelegenheit nicht nur viele Einzelstellen hinzu, sondern auch das Proömium, die Pentekontaetie und alle Reden. An der Überarbeitung der vier letzten Bücher wurde er durch den Tod gehindert.
¹) Vgl. dazu meine Quaestiones de locis etc. S. 56— 65.
²) Dies tun z. B. A. Schöne, Bursians Jahresber. III S. 848 und Classen Thuk. I* S. CVIII.
³) Die Entstehung des zweiten Teils des Thukydideischen Geschichtswerkes. Hermes XII(1877) S. 23— 87.


