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Dass Thukydides einmal eine besondere Geschichte des sizilischen Feldzuges geschrieben habe, bezeichnet E. Meyer!¹) gewiss mit Recht als wenig wahrscheinlich. Auch Ullrich selbst hatte es bekanntlich als sicher angesehen, dass Thukydides die Darstellung der Ereignisse nach 421 erst nach seiner Rückkehr nach Athen begonnen habe.²) Die gegenteilige Anschauung Cwiklinskis setzt voraus, dass er nicht nur während des sizilischen Feldzugs, sondern auch noch nach dessen Ende zur Zeit des dekeleisch-ionischen Krieges nicht die Absicht gehabt habe, alle Ereignisse seit 431 in einem einzigen Werke darzustellen, ja nicht einmal den inneren Zu- sammenhang aller dieser Kämpfe erkannt habe. Das ist aber, wie schon mehrfach betont wurde, vollständig unmöglich. Wenn der Geschichtschreiber die Ereignisse in Sizilien verfolgte, so musste ihm alsbald der innere Zusammenhang des ganzen Unternehmens mit den Wirren und Verwicklungen in Griechenland, die ihrerseits wieder aus dem Frieden des Nikias hervorge- gangen waren, klar sein, und er musste sofort auf den Gedanken kommen, die Geschichte der sizilischen Expedition an die des archidamischen Krieges anzuknüpfen. Durchschlagend ist jedoch meines Erachtens die folgende Erwägung. Nehmen wir einen Augenblick mit Cwiklinski an, Thukydides habe wirklich zur Zeit der sizilischen Expedition die innere Einheit des peloponnesischen Krieges noch nicht erkannt, dann wäre es völlig unbegreiflich, was ihn überhaupt veranlasst haben könnte, die Freignisse der Expedition so aufmerksam zu verfolgen und in einem besonderen Buche darzustellen. Denn das müssen wir ihm doch unbedingt glauben, dass er sich gleich im Jahre 431 die Darstellung des grossen Kampfes zwischen dem attischen Reich und dem peloponnesischen Bund zur eigentlichen Lebensaufgabe gemacht hatte, um so mehr, als wir ihn ja 30 Jahre später noch immer an dieser Darstellung beschäftigt sehen, so lange ihm noch zu leben vergönnt war. Wie soll dieser Mann dazu gekommen sein, inzwischen einmal zur Ab- wechslung die Geschichte eines ganz andern Krieges auf Grund der eingehendsten Studien mit tiefster innerlicher Teilnahme und mit vollendeter Kunst der Darstellung abzufassen? Nein, wenn wirklich Thukydides nach 415 noch Jahre lang die Zugehörigkeit des sizilischen Feldzugs zum peloponnesischen Krieg nicht erkannt hätte, so würde sich daraus das direkte Gegenteil von Cwiklinskis Ansicht ergeben: dann wäre eben der Geschichtschreiber erst im Verlauf des dekeleisch-ionischen Krieges auf den Gedanken gekommen, dass alle Ereignisse seit 431 einen grossen Kampf ausmachten, zu dem auch der Zug nach Sizilien gehöre, dann hätte er also die Ereignisse dieses Zuges erst eine Reihe von Jahren nachher unter sehr erschwerenden Umständen zu erforschen angefangen und ganz gewiss erst nach dem Frieden des Lysander erzählen können. Und umgekehrt: wenn der Geschichtschreiber den Verlauf der sizilischen Expedition von Anfang an mit grösster Sorgfalt erforscht und aufgezeichnet hat, wie dies gewiss wahrscheinlich ist, und wenn daraus schon gleichzeitig oder bald nachher eine fortlaufende Erzählung jenes Unter- nehmens entstanden ist, so ist dies nur unter der Voraussetzung begreiflich, dass er es für einen Abschnitt des grossen Krieges betrachtet hat, und demnach kann eine ums Jahr 413 oder bald nachher entstandene Geschichte des sizilischen Feldzugs nur ein vorläufiger Entwurf dieses Ab- schnitts des Gesamtwerkes gewesen sein, keineswegs aber ein selbständig für sich existierendes Buch. Oder könnte sich wirklich jemand vorstellen, dass Thukydides, während der dekeleisch- ionische Krieg längst entbrannt war, ruhig zu Hause gesessen und die Geschichte eines Feld- zuges ausgearbeitet hätte, der nach seiner Meinung mit dem Kampf der Athener und Pelopon- nesier gar nichts zu tun hatte? Nach alledem möchte ich das Vorhandensein eines älteren be- sonderen Werkes über den Zug nach Sizilien nicht bloss als unwahrscheinlich, sondern als so gut wie unmöglich bezeichnen.
¹) Forschungen z. alten Geschichte II S. 362. *) Beiträge zur Erklärung des Thukydides S. 136.


