19 Buch die Schilderung der inneren Wirren, die der Krieg in der hellenischen Welt im Gefolge hatte c. 82— 83; ferner c. 86, 4 und 93, 2; im vierten Buch c. 48, 5, c. 74, 4, c. 80, 5, c. 81, c. 108, 4; im fünften müssen nach seiner Ansicht c. 15— 17, 1 und 18— 20 nach 404 geschrieben oder doch umgestaltet sein. Schliesslich ist er auch geneigt, alle Reden der ersten Bücher als spätere Einlagen anzusehen. Aus alledem gewinnt er die UÜberzeugung, dass die Geschichte des archidamischen Krieges nach dem Jahr 421 bis zum Ende(V, 24) geschrieben, aber nach dem Jahr 404 vollständig überarbeitet worden sei.
Diese Ansicht musste sich mit Notwendigkeit aus der Ullrichschen Hypothese entwickeln, da nun einmal die Tatsache nicht wegzuschaffen war, dass die ersten Bücher einzelne Stellen aufweisen, in denen von dem Ende des ganzen Krieges die Rede ist. Dazu kam noch, dass Ullrichs Gegner, besonders Classen, bei einer Anzahl weiterer Stellen eine spätere Abfassungs- zeit wenigstens wahrscheinlich gemacht hatten. So schien denn durch Cwiklinskis Arbeit die Ullrichsche Anschauung erst folgerichtig und einwandfrei ausgebildet worden zu sein. Nun mussten die Gegner dieser Anschauung verstummen. Man war nach allen Seiten gewappnet: was in dem Geschichtswerk das Gepräge einer späteren Zeit trug, das erklärte man aus der Umarbeitung nach 404, und was zu dieser Zeit nicht zu passen schien, das sah man als Bestandteil der ursprünglichen Schrift an. Damit schien jede Schwierigkeit gehoben: und so liegt denn aus den siebziger und achtziger Jahren eine grosse Anzahl von Schriften vor, die ihre Zustimmung zu der Ullrichschen Anschauung erklären.¹) Im Einzelnen wich man freilich in der Bestimmung dessen, was späterer Zusatz sein sollte, vielfach von Cwiklinski ab. So widerspricht z. B. schon Paul Leske in seinem unten angeführten Programm, das sich durch Klarheit und Besonnenheit des Urteils auszeichnet, Cwiklinskis Versuch, die Hauptmasse des Proömiums und gar alle Reden der ersten Bücher als spätere Einlagen zu erweisen.
Dies führt uns auf eine Kritik von Cwiklinskis Anschauung. Soviel leuchtet ohne weiteres ein: vom Standpunkt der Ullrichschen Hypothese betrachtet, war es ein arger Missgriff von ihm, dass er die Hauptmasse des Proömiums als einen nach 404 gemachten Zusatz zu erweisen suchte. Denn darüber sind alle völlig einig, dass das Vorhandensein von zwei Proömien das stärkste Argument für jene Hypothese bildet. Dieses Argument wird aber hinfällig durch die Annahme, dass beide Proömien erst nach 404 geschrieben seien. Die Hypothese ist doch aufgebaut auf der Behauptung, wenn das erste Proömium nach 404 geschrieben wäre, so würde Thukydides seine Anschauung von der Einheitlichkeit des Krieges in ihm und nicht erst V, 26 gegeben haben. Und nun soll dennoch auch das erste Proömium nach 404 geschrieben sein! Ist dies der Fall, so hat der Geschichtschreiber ganz sicher in ihm alles gesagt, was er an dieser Stelle zu sagen für zweckmässig hielt, und mit bewusster Absicht erst V, 26 die Einheitlichkeit des ganzen Krieges hervorgehoben. ²) Dabei kommt noch folgendes in Betracht. Die Einzelstellen der ersten Bücher, die Ullrich als nachweislich vor 404 geschrieben bezeichnet hatte, waren im Verlauf der Diskussion zum grössten Teil als nicht beweiskräftig erkannt worden. Nur 4 Stellen
¹) Paul Leske, Über die verschiedene Abfassungszeit der Teile der Thukydideischen Geschichte des peloponnesischen Krieges. Progr. d. Ritter-Akad. Liegnitz 1875.— Vollheim, Die Entstehungsgeschichte des thucydideischen Geschichtswerkes Progr. Eisleben 1878.— E. Ippel, Quaestiones Thucydideae. Diss. inaug. Hal. 1879.— A. Kirchhoff, Der delische Bund. Hermes XI(1876) S. 37 f.— Müller-Strübing, Aristo- phanes und die historische Kritik 1873 S. 623 f.— Droysen Hermes IX S. 21.— F. W. Unger, Zur Leit- rechnung des Thukydides. Sitzungsber. d. k. bayr. Ak. d. W. München 1875 Bd. I. S. 28 ff.— Derselbe, Zum Kalender des Thukydides. Ebenda 1878 Bd. I S. 95.— G. Glogau, Die Entdeckungen des Thukydides über die älteste Geschichte Griechenlands. Progr. Neumark W./Pr. 1876, S. 3 u. 31.— O. Gilbert, Philol. Anzeiger IX(1878) S. 29 ff. u. 93.— A. Schöne, Bursians Jahresber. III(1876) S. 823 ff.— Weitere Schriften sind S. 29 Anm. 1, 2 und 3 verzeichnet.
²) Noch schlimmer als bei Cwiklinski tritt diese Inkonsequenz in dem erwähnten Progr. Glogaus hervor
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