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angenommen, dass die Geschichte des zehnjährigen Krieges von Thukydides nach 421 bis zu Ende geführt, ja vielleicht gar veröffentlicht worden sei. Nach dem Gesagten ist diese Annahme überhaupt nur möglich bei dem Zugeständnis, dass der Geschichtschreiber bis etwa 415 mit diesem ersten Buch fertig geworden sei. So könnte man sich die Sache allerdings denken und die Stellen des 4. Buches, wegen deren Steup Thukydides bis 408 daran arbeiten lässt, für spätere Zusätze erklären. Aber auch dann lässt sich noch mancherlei einwenden. Wenn jemals eine Geschichte des zehnjährigen Krieges als besonderes Werk existiert hat, kann sie nicht mit V, 24 aufgehört haben. Vielmehr müsste sie noch die Ausführung der Friedensbedingungen mitbehandelt haben, die doch ohne Zweifel auch zu einer Geschichte des zehnjährigen Krieges gehörte. Allein die Friedensbedingungen sind eben 421 überhaupt nicht ausgeführt worden; vielmehr kam es darüber alsbald zu heftigen Streitigkeiten, aus denen endlose Verwicklungen und Wirren hervorgingen. Der zehnjährige Krieg ist also niemals vollständig zum Abschluss gelangt, und daher kann es auch ein abgeschlossenes Werk über ihn nie gegeben haben, eine so grosse Rolle es auch immer in der Phantasie der Anhänger der UlIlrichschen Hypothese spielen mag. ¹)
Indessen diese Erwägungen sind für unsere Streitfrage nicht von entscheidender Bedeutung. Wohl aber ist dies die Erkenntnis des inneren Widerspruchs in der Ullrichschen Anschauung, den ich oben dargelegt habe. Wie bei Ullrich selbst, so blieb allerdings auch bei Steup dieser Widerspruch zunächst noch latent, da dieser zwar die eine Folgerung, dass nämlich der Scbrift- steller sein früheres Werk nochmals habe überarbeiten wollen, ausdrücklich zog, von einer nach 404 schon vollzogenen UÜberarbeitung aber nicht sprach, sondern sich einstweilen noch mit der Annahme einiger vereinzelter Zusätze half. Bald sollte sich jedoch die Erkenntnis Bahn brechen, dass die ersten Bücher, wenn sie nach 421 geschrieben sind, nach 404 die gründlichste und eindringendste Überarbeitung erfahren haben müssen.
Als den Vater dieses Gedankens betrachte ich Adolf Kirchhoff, der schon 1868 die Ansicht aussprach, Thukydides habe nach dem Ende des peloponnesischen Krieges den zweiten Teil desselben geschrieben und den ersten früher entworfenen überarbeitet. ²) Diese Ansicht hat dann sein Schüler Ludwig Cwiklinskiaufgenommen und in seiner 1873 erschienenen Dissertation ³) mit grossem Scharfsinn und mit vieler Umsicht zu erweisen versucht. Nachdem er in dem ersten Teil dieser sehr sorgfältigen Untersuchung die Grundlagen der Ullrichschen Hypothese geprüft und sich für dieselbe entschieden hat, tritt er in dem wichtigeren zweiten Teil den Nachweis an, dass in den ersten Büchern zahlreiche erst nach 404 entstandene Zusätze zu erkennen seien. Als solche bezeichnet er im ersten Buch die Hauptmasse des Proömiums, nämlich c. 1, 2 bis 22, sowie die zweite Hälfte der Pentekontaetie von c. 97 bis 118, 2; im zweiten Buch die Beschreibung der Pest c. 48— 51, die Charakteristik des Perikles und seiner Nachfolger c. 65, 5— 13 und den ausfübrlichen Exkurs über Odrysen und Makedonen c. 95— 102, 1; im dritten
¹) Dies in Übereinstimmung mit E. Meyer a. a. O. S. 276.— Dass Thukydides sein Buch über den archidamischen Krieg nach 421 auch ediert habe, hat zuerst Müller-Strübing in den Thukydideischen Forsch- ungen(1881) S. 51 ff. behauptet. Eine Bestätigung fand er darin, dass Th. V. 20 sein chronologisches Verfahren rechtfertigt und VI, 54— 60 zum zweitenmal über die Pisistratiden spricht. Ja in einem Aufsatz in den Jahrb. f. kl. Phil. 1885 behauptet er S. 337 ff., dass Aristophanes in den Vögeln an mehreren Stellen auf das damals neu veröffentlichte Werk anspiele. Neuerdings hat auch G. Friedrich, Jahrb. f. kl. Phil. 1897 S. 175— 188 und 243— 256 behauptet, Th. habe den archidamischen Krieg um 418 ediert. Gegen die Annahme einer Veröffent- lichung auch M. Wiesenthal, Quaestio Thucydidea. Festschrift für L. Friedländer 1895, S. 456 ff.
²) Abhandl. d. Berl. Ak. d. W. 1868, hist.-phil. Kl. S. 19= Über die Abfassungszeit des Herodotischen Geschichtswerkes 2. Aufl. 1878 S. 19.
²) Quaestiones de tempore quo Thucydides priorem historiae suae partem composuerit. Diss. inaug. Berol. Gnesnae 1873.


