17 dass er beim Beginn des sizilischen Feld zugs das angefangene Buch etwa bei IV, 48 unvollendet habe liegen lassen und erst zehn oder elf Jahre später nach 404 es zu Ende geführt habe. Denn aus den Worten IV, 48, 5 53à3 7⸗* Xad ν αμνμον réν:⸗ gehe hervor, dass Thukydides noch nach 410 die Auffassung der Einheitlichkeit des Krieges nicht gewonnen habe. Was habe ihn also veranlassen können, beim Ausbruch des sizilischen Krieges sein früheres Werk liegen zu lassen? Daher meint Steup, Thukydides habe die ganze Geschichte des zehnjährigen Krieges ungefähr in den Jahren 421 bis 408 bis zum Ende abgefasst; denn so weit herunter zu gehen nötigten ausser IV, 48, 5 noch einige andere Stellen des 4. Buches, die nicht früher geschrieben sein könnten. Erst nach Beendigung dieser Schrift habe der Geschichtschreiber etwa von 408 an sein Augenmerk auf die Ereignisse des dekeleiscnen Krieges gerichtet und dann nach dem Frieden des Lysander begonnen, die Ereignisse seit 421 zu erzählen. Die frühere Schrift habe er jetzt als ersten Teil in sein grösseres Werk aufgenommen in der Absicht, sie nochmals zu über- arbeiten; daran habe ihn jedoch der Tod gehindert. Trotzdem habe er dem ersten Teil noch einiges hinzugefügt, und zwar nicht nur II, 65, 3 und II, 100, 1, sondern auch die ganze Pente- kontaetie; denn I, 97, 2 sei offenbar erst nach 404 geschrieben und könne aus dem Zusammen- hang doch nicht gut losgelöst werden.
Mit gutem Grund änderte Steup die Ullrichsche Anschauung von der Entstehung des Werkes dahin ab, dass nach 421 die ersten Bücher nicht bloss bis IV, 48, sondern bis zum Ende des zehnjährigen Krieges V, 24 geschrieben seien. Denn wenn Ullrich IV, 48, 5 als Grenze angenommen hatte, so beruhte das auf einer augenscheinlich verkehrten Erklärung dieser Stelle, und ausserdem machte jener dadurch sein stärkstes Argument, das er dem zweiten Proömium entnahm, wie wir oben gesehen haben, völlig wirkungslos. Dennoch dürfen wir behaupten, dass Steups eigne Anschauung von der Entstehung des Werkes ebenso unbefriedigend ist wie die Ullrichs. Denn dass Thukydides bis etwa 408 ruhig an seiner Geschichte des zehnjährigen Krieges geschrieben habe, ohne die Einheitlichkeit aller seit 431 erfolgten Ereignisse zu erkennen und ohne daran zu denken, sein Werk über den Nikiasfrieden hinaus fortzuführen, ist schlechter- dings unglaublich. Nach 404 ist er damit beschäftigt, der Mit- und Nachwelt die Einheitlichkeit des Krieges in einem grossen Werk zum Bewusstsein zu bringen. Wenn er aber 408, wo der sizilische Feldzug längst vorüber war und der dekeleisch-ionische Krieg sich schon seiner Ent- scheidung näherte, selber diese Einsicht noch nicht gehabt hätte, was hätte ihm dann in den paar Jahren von 408 bis 404 eine so vertiefte Auffassung gewähren können? Dass er nach dem Frieden des Jahres 421 glauben mochte, der Krieg sei beendigt, das lässt sich immerhin denken; das aber steht doch unumstösslich fest, dass der erste Ausbruch neuer Feindseligkeiten zwischen Athen und Sparta ihm als eine Fortsetzung des zehnjährigen Krieges erscheinen musste. Darüber lässt die Tatsache, dass er nach 404 diese Anschauung mit Entschiedenheit vertritt, zusammen- gehalten mit der andern Tatsache, dass er seinen eigenen Worten zufolge schon 431 die Erwartung eines unvergleichlich bedeutenden Krieges hegte, nicht den geringsten Zweifel übrig. Ist das aber richtig, so setzte er sich sicherlich nicht zu Hause hin, während rings um ihn her der Entscheidungskampf tobte, welcher der Herrlichkeit des attischen Reiches für immer ein Ende bereiten sollte, und schrieb ruhig an einer Geschichte des zehnjährigen Krieges. Wir wissen doch auch besser, was der Geschichtschreiber in jenen Jahren getrieben hat. Die letzten Bücher legen auf jeder Seite Zeugnis ab von der Aufmerksamkeit, mit der er die Ereignisse des sizilischen und dekeleisch-ionischen Krieges verfolgt hat, und die sich nur erklärt durch die Annahme, dass er diese Kriege von vornherein als Abschnitte des grossen Entscheidungskampfes klar erkannt hat, dessen Geschichte er als sein Lebenswerk betrachtete. Somit ist die Ansicht Steups in diesem Punkt völlig unhaltbar.
Dennoch sind die meisten Neueren nicht Ullrich gefolgt, sondern haben mit Steup 3


