Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
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inneren Komposition der Thukydideischen Geschichte fast ebenso ungünstig, wie die entgegen- gesetzte Ansicht. 3.

Schon der Verfasser der ersten ausführlichen Besprechung, die Ullrichs Abhandlungen zuteil wurde, Ludwig Preller, stellte sich zwar im allgemeinen entschieden auf denselben Stand- punkt wie jener, erkannte aber mit richtigem Blick die Ungereimtheiten, die in seinen Ergeb- nissen lagen, und suchte die Konsequenzen aus der neuen Anschauung zutreffender zu ziehen. ¹) Ohne Zweifel, meint er, würde Thukydides, wenn ihm das Leben so lange gefristet wäre, die Spuren einer beschränkteren Auffassung, welche in den früheren Büchern stehen geblieben waren, getilgt haben²). Ferner bestreitet schon er die Behauptung Ullrichs, dass der Geschichtschreiber nach 404 in die früher verfasste Schrift nur die beiden Stellen II, 65 und II, 100 eingelegt habe, betont die Möglichkeit, dass er noch andres geändert habe, und bezeichnet als eine dritte sicher nach 404 geschriebene Stelle III, 82, wo aus Anlass der Parteikämpfe in Kerkyra Betrachtungen über die allgemeine Sittenverwilderung in Griechenland angestellt werden.

Indessen vergingen über zwei Jahrzehnte, ehe man vom Standpunkt der UlIlrichschen Hypothese eine erneute Untersuchung der ganzen Frage in Angriff nahm. Es waren inzwischen einige Gegenschriften erschienen³), die für die Anhänger Ullrichs eine solche notwendig machten. Und so gingen sie denn mit frischem Mut ans Werk, die Ullrichsche Ansicht folgerichtiger auszu- bilden, als dies ihr Urheber selbst getan hatte. Leider muss ich das Resultat ihrer Bemühungen als ein völlig negatives bezeichnen. Es konnte nicht anders sein aus dem einfachen Grund, weil sich als Folgerungen der Ullrichschen Hypothese, wie schon oben angedeutet worden ist, zwei Sätze ergeben, die in einem unvereinbaren Widerspruch zu einander stehen: 1. Wenn die vier ersten Bücher durch ihre Form oder ihren Inhalt den Beweis liefern, dass sie bald nach 421 als Geschichte des archidamischen Krieges geschrieben sind, so folgt daraus, dass Thukydides nach 404 nicht mehr in der Lage gewesen ist, sie seinem endgiltigen Plan gemäss umzuarbeiten. 2. Es folgt aber ebenso daraus, dass er sie nach 404 durchgesehen und umgearbeitet hat, da sie ganz unzweifelhaft vieles enthalten, was in einem nach 421 geschriebenen Buch über den zehn- jährigen Krieg unmöglich gestanden haben kann. Diesen inneren Widerspruch vermag der grösste Scharfsinn und die umfassendste Gelehrsamkeit nicht auszugleichen.

Unter den Arbeiten, die uns dies allmählich klar gemacht haben, sind zuerst die Quae- stiones Thucydideae von Julius Steup zu nennen, deren 1. Teil 1868 erschienen ist. Dieser stimmt Ullrich darin vollständig zu, dass Thukydides die Geschichte des zehnjährigen Krieges sofort nach dem Frieden des Nikias angefangen habe. Allein er billigt nicht seine Vermutung,

¹) Rhein. Mus. VI(1848) S. 352 368.

²) Das erscheint ihm als so selbstverständlich, dass er irrtümlich Ullrich die gleiche Anschauung zuschreibt. ³) Classen, Ausg. des Thukydides Band I 1862; daselbst S. XXVILII der 3. Auflage. Kyprianos, Philistor 1862 S. 193 210, 385 404, sowie 1863 S. 1 19. Welti, Über die Abfassungszeit des Thukydideischen Geschichtswerkes. Progr. Winterthur 1869. Dieselbe Anschauung äusserte K. W. Krüger in der 2. Ausgabe seines Lebens des Thukydides, Kritische Analekten Heft 1, 1863, bes. S. 64 Anm. 2. J. M. Stahl, Jahrb. f. klass. Phil. Bd. 87(1863) S. 397 und später De Thucydidis vita et scriptis in seiner Ausg. des Th. bei Tauchnitz; Th. Bergk, ArtikelGriechische Literatur in Ersch u. Grubers Allg. Encykl., Sektion I Teil 81(1863) S. 389. Fr. Blass, Die attische Beredsamkeit I(1868) S. 198 ff. E. v. Leutsch, Philologus 1874 S. 147, 155. Stein- berg, Philologischer Anzeiger VI(1874) S. 20.

Ebenso traten später für einheitliche Entstehung des Werkes ein Welzhofer, Thukydides und sein Geschichtswerk 1878 S. 2631. J. M. Stahl, Berl. Phil. Wochenschr. VIII, 262. Nissen, Der Ausbruch des peloponnesischen Krieges. Sybels hist. Zeitschr. B. 63(1889) S. 385 427, bes. 423. L. Herbst, Jahresberichte über Thukydides. Philologus B. 38(1879) S. 503 584, B. 40(1881) S. 271 382, B. 46(1887) S. 522 556, B. 49 (1890) S. 134 180 und 338 375. E. Lange, Thukydides und sein Geschichtswerk. Gymnas.-Bibl. H. 16. Gütersloh 1893.