Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
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15 heitlich konzipierten Werkes entsteht¹). Ullrich hat also, zum Teil aus Rücksicht auf die fest- stehende Tatsache, dass der Geschichtschreiber nach 404 ein einheitliches Werk schaffen wollte, teilweise aber wohl auch geleitet von dem tiefeingewurzelten Gefühl der Bewunderung vor dem grossartigen Geschichtswerk, die Konsequenzen seiner eignen Ansicht noch nicht zu ziehen gewagt. Diese mussten lauten: wenn die vier ersten Bücher in der Gestalt vorliegen, die sie nach 421 erhalten haben, dann ist das Ganze noch nicht das einheitliche Werk über den pelo- ponnesischen Krieg, das Thukydides schaffen wollte, dann hatte er vielmehr noch vor, jene frühere Schrift nach dem veränderten Plan umzuarbeiten, wurde aber durch den Tod daran verhindert.

Sobald wir uns aber entschliessen, diese Folgerung zu ziehen, ergibt sich eine neue Schwierigkeit. Ullrich musste selbst annehmen, dass Thukydides zu der früher geschriebenen Ge- schichte des zehnjährigen Krieges nach 404 doch einzelne Zusätze gemacht habe, wie II, 65 die Ubersicht über die Ereignisse bis zum Fall Athens und II, 100 den Exkurs über Archelaos. Beide Stellen können natürlich erst nach 404 geschrieben sein. Sobald es aber feststeht, dass der Schrift- steller damals an der vorausgesetzten Geschichte des zehnjährigen Krieges Anderungen vorge- nommen hat, müssen wir zugeben, dass er wahrscheinlich auch noch andere Stellen geändert, dass er wahrscheinlich überhaupt die ganze frühere Schrift durchgesehen und alles geändert haben wird, was ihm zu dem veränderten Plan nicht zu passen schien. Und wie vieles muss in einem vor 15 Jahren geschriebenen Buche an Urteilen und Anschauungen gestanden haben, was der Anderung dringend bedurfte! Demnach wird das Hauptargument Ullrichs, das auch nach E. Meyers Ansicht immer das wirkungsvollste bleiben wird, dass nämlich Thukydides im An- fang sein Thema nicht genau bestimmt und statt dessen nachträglich V, 26 ein zweites Proömium einschiebt, schon durch jene Tatsache sehr entkräftet. Denn wenn er nach 404 Anderungen vor- genommen hat, so hinderte ihn nichts, auch den Eingang zu ändern und dem Leser dort seine Auffassung von der Einheitlichkeit des Krieges mitzuteilen, wozu es ja nach Ullrichs eigner Meinung nur weniger Worte bedurfte. Und wenn er das nicht getan hat, so lässt das nur den einzigen Schluss zu, dass er es absichtlich unterlassen, dass er es nicht für nötig oder stilgerecht gehalten hat, diese Auffassung schon im Eingang zu begründen ²). Vollends hinfällig wird aber das aus dem Vorhandensein zweier Proömien entnommene Argument dadurch, dass Ullrich meint, Thukydides habe nach 421 nur bis etwa IV, 48 geschrieben und erst nach dem lysandrischen Frieden die Geschichte des zehnjährigen Krieges in der begonnenen Weise zu Ende geführt und sodann vermittelst des zweiten Proömiums die Darstellung der späteren Ereignisse angeknüpft. Denn wenn das richtig ist, so hat doch der Geschichtschreiber tatsächlich geglaubt, dass die V, 26 enthaltenen Bemerkungen dort am rechten Platze stünden, und das zweite Proömium verdankt dann sein Vorhandensein der Eigenart des behandelten Stoffs und der bewussten Absicht des Schrift- stellers, nicht aber, wie Ullrich behauptet, dem Umstand, dass eine früher geschriebene Schrift nach längerem Zwischenraum mit einer zweiten Schrift zu einem Gesamtwerk verbunden wurde.

Wenn wir das alles erwägen, müssen wir zu dem Urteil gelangen, dass die positiven Resultate von Ullrichs Abhandlungen, so glänzend diese geschrieben waren, in keiner Beziehung befriedigen konnten. Daraus erklärt es sich, dass zwar sein Grundgedanke von der successiven Entstehung der Thukydideischen Geschichte in den weitesten Kreisen Aufnahme fand, dass aber kaum einer seiner Anhänger sich seine Anschauung von der Entstehung des Werkes im Einzelnen angeeignet hat. Konnte doch der eifrigste Verfechter seiner Hypothese L. Cwiklinski es aus- sprechen):Die Ullrichsche Untersuchung war in ihrem Ergebnisse für die Frage nach der

¹) Welti, Über die Abfassungszeit des Thukydideischen Geschichtswerks 1869 S. 8. ²) E. Meyer a. a. O. S. 274. ³) Hermes XII S. 24.