14 aber in Athen hat doch Thukydides damals gar nicht gelebt. Aus allen diesen Erwägungen dürfte hervorgehen, dass auch die Annahme, Thukydides habe gleich nach dem Nikiasfrieden seine Geschichte des archidamischen Krieges begonnen, keineswegs so wahrscheinlich ist, wie dies Ullrich behauptet.
Aber ich wiederhole es: mag er es getan haben; wir haben kein Interesse daran, die Möglichkeit in Abrede zu stellen. Uns kommt es vielmehr nur darauf an zu prüfen, welchen Grad von Wahrscheinlichkeit der weitergehende Satz Ullrichs besitzt, dass diese vorausgesetzte, nach 421 verfasste Geschichte des archidamischen Krieges in den vier ersten Büchern des Thukydideischen Werkes ziemlich unverändert vorliege. Ullrich denkt sich die Entstehung des Geschichtswerkes folgendermassen: Thukydides begann alsbald nach dem Nikiasfrieden seine Geschichte des archidamischen Krieges abzufassen und schrieb, bedächtig fortrückend, vom Proömium an die vier ersten Bücher bis ungefähr IV, 48. Da wurde er durch den sizi- lischen und weiterhin den dekeleischen Krieg überholt. Nun hielt er inne, um die Entwicklung dieses zweiten Krieges abzuwarten; denn dieser musste ihm alsbald als die Fortsetzung des zehnjährigen Krieges erscheinen. Nach seiner eigenen Erklärung V, 26 hat er aber den zweiten Krieg erst nach seiner Beendigung dargestellt. Die vorhergehenden Kriegsjahre hat er wiederum durch Erforschung und Aufzeichnung der Tatsachen ausgefüllt. Als er nach einer Unterbrechung von zehn bis elf Jahren nach 404 den Faden der Erzählung wieder aufnahm, führte er zunächst die Geschichte des archidamischen Krieges ganz in der begonnenen Weise von IV, 48 bis V, 24 zu Ende und knüpfte dann vermittelst des zweiten Proömiums die(teschichte des sizilischen und dekeleischen Krieges daran, kam aber nur bis 411. Eine nochmalige Durchsicht seines Werkes hat er wahrscheinlich nicht beabsichtigt; nur an zwei Stellen des 2. Buches(II, 65 und 100) hat er nachträgliche Zusätze gemacht. Im übrigen wurde er sich wohl dessen kaum bewusst, dass die Leser, wenn die nach 421 geschriebenen vier ersten Bücher jetzt als erster Teil der (ieschichte des peloponnesischen Krieges herausgegeben wurden, in ihnen mehrere wichtige Kusserungen in einem Sinn auffassen mussten, den sie ursprünglich nicht gehabt hatten. Viel- mehr mochte Thukydides wohl überzeugt sein, durch einfache Fortsetzung des früheren Buches ein Geschichtswerk von innerer Einheit zu schaffen. Preilich ist ihm das nicht ganz gelungen.
So Ullrich. Man erkennt auf den ersten Blick, dass seine Anschauung von der Ent- stehung des Werkes innerlich ganz unmöglich ist. Er war ausgegangen von der Erwägung, man könne dem Verfasser eines so kunstvoll angelegten Werkes nicht die Nachlässigkeit zutrauen, dass er nicht gleich im Proömium den Gegenstand seines Buches genau bezeichne, und er endigt damit, diesem selben Verfasser die ungeheuerliche Gedankenlosigkeit zuzutrauen, dass er ein vor 15 Jahren mit ganz andrer Auffassung der Ereignisse geschriebenes Buch über den archidamischen Krieg ohne jede Veränderung frischweg als ersten Teil einer Gesamtgeschichte des peloponne- sischen Krieges habe veröffentlichen wollen! Und zwar nicht bloss die eigentliche Erzählung der Ereignisse, sondern auch die ganze umfangreiche Einleitung im 1. Buche! Wie konnte eine Einleitung in die Geschichte jenes ersten Krieges mit allen den zahlreichen eingeflochtenen Ur- teilen unverändert als Einleitung des Gesamtwerkes dienen! Nebenbei bemerkt, wäre jene vor- ausgesetzte Geschichte des zehnjährigen Krieges ein Monstrum gewesen, wenn wirklich unser jetziges erstes Buch in seinem ganzen Umfang schon zu ihr gehört hätte; denn dann hätte die Einleitung allein mehr als ein Viertel des ganzen Buches ausgemacht ¹). Und abgesehen von allem andern würde nach Ullrichs Hypothese dem Werk ein entstellender Zug der Unwahrheit anhaften; Thukydides würde den Leser geradezu täuschen, indem er die Darstellung des aufs neue aus- brechenden Krieges in der Weise an das frühere Buch anknüpfte, dass die Vorstellung eines ein-
¹) So auch E. Meyer a. a. O. S. 276.


