Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
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Gedanken an den Wiederausbruch des Krieges nahe zu legen. Ja das Hervortreten der Kriegs- partei in beiden Städten ist nur unter der Voraussetzung verständlich, dass in weiten Kreisen der Athener und Lakedaimonier die Anschauung herrschte, dass es über kurz oder lang doch wieder losgehen müsse. Und da sollte es einem Thukydides nicht klar gewesen sein, dass alle Ereignisse unaufhaltsam auf eine Erneuerung des Krieges hindrängten? Und selbst wenn er an eine solche nicht gedacht hätte und nur die Geschichte des archidamischen Krieges hätte schreiben wollen, so konnte er doch mit dem Friedensschluss von 421 seinen Stoff noch nicht als abgeschlossen ansehen. Denn dazu gehörte doch auch die Ausführung der Friedensbedingungen, und diese erfolgte erst im Verlauf längerer Zeit und in unvollständiger Weise und führte unmittelbar zu den oben erwähnten neuen Verwicklungen. So enthielt der Frieden die Bestimmung, dass die Athener die in Skione belagerten Peloponnesier frei lassen sollten, mit der Stadt selbst aber nach Belieben verfahren könnten(V, 18, 7. 8). Die Eroberung und Bestrafung von Skione erfolgte aber erst einige Monate später; und die durch den Frieden festgesetzte Heraus- gabe von Panakton geschah erst im Sommer 420. Diese Dinge konnten den Geschichtschreiber des archidamischen Krieges sehr wohl veranlassen, mit der Abfassung seines Werkes noch zu zögern und abzuwarten, wie die Erfüllung des Friedensvertrags von statten gehen werde. Noch mehr aber konnte die oben geschilderte Haltung der peloponnesischen Staaten ihn hierzu bewegen. Der archidamische Krieg war nun einmal ein Krieg der Peloponnesier und Athener, und wenn zwar Sparta mit Athen Frieden schloss, die Boioter, Korinthier, Eleer und Megareer aber nicht beitraten, so war eben der Krieg noch nicht beendigt. Im Gegensatz zu Ullrich muss ich es daher als durchaus wahrscheinlich bezeichnen, dass Thukydides nach dem Abschluss des Nikiasfriedens nicht ruhig an die Ausarbeitung seines Geschichtswerkes gegangen ist, sondern es als seine nächste Aufgabe betrachtet hat, die Folgen zu erkunden, die sich aus dem Protest jener peloponnesischen Staaten ergaben, und den vielverschlungenen Fäden der diplomatischen Verhandlungen nachzuspüren, die sofort nach der Rückkehr der wegen des Friedens in Sparta versammelten Gesandtschaften begannen(V, 27). Er wird also nach 421 den Peloponnes bereist haben, um an Ort und Stelle der Entwicklung der Ereignisse nachzuforschen, und für diese Vermutung sprechen in der Tat viele Stellen des 5. Buches. Die Vorgänge jener Jahre sind so anschaulich und eingehend erzählt, dass der Leser die Empfindung hat, Thukydides schildere Selbstgeschautes. So verrät sich in Schilderungen wie V, 50 vom Verlauf des olympischen Festes ¹) und in der auffallend ausführlichen Beschreibung der Schlacht bei Mantinea V, 66 75 ohne Zweifel der Augenzeuge, mitunter sogar im Ausdruck; z. B. V, 60, 3 in den Worten über das 418 unter Agis vereinigte peloponnesische Heer:"thatéx²dov 1a roo 4orO, ENATvMOD 16 bS ILI TOODs SbVINDv. de d HnotA EOX EtE Jv 2960v y Nsuex. Ferner erzählt er die Ereignisse, wie dies öfters hervortritt, vom lakedaimonischen Standpunkt aus und flicht zahlreiche Bemerkungen über spartanische Gewohnheiten ein. ²) Und schliesslich ist es durch des Geschichtschreibers eigne Worte V, 26, 5 bekannt, dass er sich während seiner Verbannung vielfach, wo nicht meistens, im Peloponnes aufgehalten hat; und in keiner andern Periode des Krieges konnte er sich dazu mehr veranlasst sehen, als gerade in den Jahren zwischen 421 und 415. Hat er aber damals im Peloponnes die weitere Entwicklung der Ereignisse verfolgt, so wird er schwerlich gleichzeitig eine abschliessende Geschichte des archidamischen Krieges abgefasst haben, da er ja dann mitten in Verhältnissen sich befand, in denen der Kriegszustand tatsächlich ununterbrochen weiter dauerte. Denn nur die Athener erfreuten sich 6 Jahre lang eines ziemlich ungestörten Friedens,

¹) So urteilt auch O. Gilbert, Zur Thukydideslegende. Philolog. 38 S. 265 f.

¹) Vgl. V, 63, 2. 63, 4. 64, 2. 66, 2. 66, 34. 68, 2. 69, 2. 72, 2. 73, 4. Vgl. auch Classen Vorbem. zu B. V S. 2.