Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

grosse Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen kann. Dass Thukydides nach 404 sich die bestimmte Auffassung gebildet hatte, dass alle Ereignisse seit 431 einen einzigen Krieg ausmachten, und dass er damals eine einheitliche Geschichte dieses Krieges schreiben wollte, steht unzweifel- haft fest. Das lehrt am deutlichsten V, 26, wo er diese Auffassung ausdrücklich verteidigt; das beweisen aber auch alle anderen Stellen, wo er den ganzen Krieg als die ihn beschäftigende Aufgabe bezeichnet, wie besonders in den Jahreszählungen.¹) Wir werden also von den Gegnern durchschlagende Argumente verlangen dürfen, wenn wir zugeben sollen, dass das Werk nicht das geworden ist, was der Geschichtschreiber nach dem Ende des peloponnesischen Krieges mit diesem Werk nach seinem eigenen Zeugnis schaffen wollte. Das ist der feste Punkt, auf den wir uns stützen müssen, und sobald wir das tun, stürzen alle allgemeinen Wahrscheinlichkeits- gründe, die man für die Ullrichsche Hypothese geltend gemacht hat, und die ihr eingestandener- massen gerade am meisten Ansehen verschafft haben, in sich zusammen.

Der erste von Ullrichs beiden Beiträgen zur Erklärung des Thukydides, der 1845 unter dem SondertitelDie Benennung des Peloponnesischen Krieges durch Thukydides erschienen ist, beschäftigt sich ja ausschliesslich mit dem Nachweis, dass es die eigentümliche Auffassung des Geschichtschreibers sei, die ganze ausgedehnte Periode von 27 Jahren als einen Krieg anzusehen. An sich seien es zwei getrennte Kriege von ganz verschiedenem Charakter gewesen, insofern der erste für Athen entschieden günstig ausgegangen sei, der zweite es zu Fall gebracht habe. Und wirklich hätten auch alle Schriftsteller des 4. Jahrhunderts den zehnjährigen Krieg von dem zweiten unterschieden, für den sie den besonderen Namen des Dekeleischen angewandt hätten. Ja Thukydides selbst mache gelegentlich diese Unterscheidung und halte es sogar für nötig, es im zweiten Proömium ausdrücklich zu rechtfertigen, dass er die Zeit allgemeiner Unruhe und Bewegung nach dem Nikiasfrieden, die doch eigentlich kein Krieg der

¹) Es beruht lediglich auf einem Missverständnis von van Herwerdens Studia Thucydidea S. 32 f., wenn zuerst Classen(Thuk. IS. XXXIV Anm. 47), dann Helmbold(dber die successive Entstehung des Thuky- dideischen Geschichtswerkes. Progr. Gebweiler 1876 I S. 28) und ebenso Cwiklinski im Hermes XII S. 76 pe- haupten, jener holländische Gelehrte habe die sämtlichen Jahresangaben als Zusätze eines Interpolators verdächtigt. Wenn dann ihre Streichung von Freunden der UIIIrichschen Hypothese mehrfach verteidigt worden ist, so muss dem entschieden widersprochen werden; schon allein deshalb, weil die Jahresangaben mituntèr gar nicht von der Erzählung loszulösen sind. Vgl. II, 47. 1 700m6½ uεεμνν dpos 2yfνεrο ετ τ zzꝛͥlñd roure 2dν ϑιναdroe adrod nouor Eroc rodõ noléᷣus releura, und V, 116, 3 ad rod Teινμνννοο dιι‿‿ρσντοο 6ꝓοov ros reledra 1; ähnlich V, 24, 2 r ϑέινο ονά roν rderdrow srous. Vgl. Müller-Strübing, Aristophanes und die historische Kritik 1873, S. 399 Anm.

Übrigens wird schon durch das oben Gesagte die Unhaltbarkeit der Ansicht Helmbolds erwiesen, der zufolge die Geschichte des zehnjährigen Krieges ein vor 404 verfasstes, künstlerisch einheitliches, in allen Teilen vollendetes und in sich abgeschlossenes Werk sein soll, mit zugehöriger Vorrede und Schlussbemerkung; Thuky- dides habe dieses nach dem Frieden, abgesehen von einigen kleinen Zusätzen, bei der überarbeitung absichtlich unverändert gelassen und die Ereignisse seit 421 nur als Anhang zugefügt, der sich zu jenem ursprünglichen Werk etwa verhalte wie die Fortsetzungen des Theopomp und Xenophon. Hätte doch Helmbold vor Veröffent- lichung seiner Abhandlung nur noch einmal V, 26 durchgelesen! Noch unbegreiflicher ist freilich die Ansicht, die Ludwig Herbst(Philologus 38, 1879, S. 503 584, und 40, 1881, S. 271382) mit einem erstaunlichen Auf- wand von Gelehrsamkeit verfochten hat, dass Thukydides das gesamte Werk erst nach 404 geschrieben habe und darin den ganzen peloponnesischen Krieg habe darstellen wollen, dass er aber in der ersten Hälfte des Werkes von Buch II an den zehnjährigen Krieg als einen besonderen Krieg für sich erzähle, und dass in diesen Büchern mit τπαατταωο ε oder d πη⁴deuos immer der zehnjährige Krieg gemeint sei, nicht der peloponnesische. Wie wäre das denkbar? Wenn Thukydides nach 404 eine Geschichte des peloponnesischen Krieges schrieb, 80 kann das Proömium und das ganze erste Buch natürlich nur als Vorgeschichte des ganzen Krieges verstanden werden. Und wenn er dann II, 1 fortfährt ονs᷑νάκχα Ʒε mοσνοοα*ννονεένε ASpeia, ar TeAonovvyaiwr, So kann der Krieg, von dem hier die Rede ist und weiterhin erzählt wird, kein anderer sein als derjenige, um den sich die Ereignisse des ersten Buches drehen. Darüber ist kein Wort zu verlieren.