Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
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geistiger Arbeit, die in dem Werk steckt, wahrhaftig besser zu würdigen wissen, als dass man es sich so vorstellte, als habe er 27 Jahre lang nur ganz formlose Notizen zusammengetragen und nach dem Friedensschluss frischweg angefangen, seine Geschichte in einem Zug herunterzuschreiben. Ganz im Gegenteil: wir meinen, dass man sich das Werden und Wachsen eines solchen Meister- werkes historischer Kunst gar nicht kompliziert genug vorstellen kann, jedenfalls aber es sich nicht so einfach denken darf, dass heutzutage jeder von uns kleinen Leuten zu entscheiden be- rechtigt wäre: dies hat er sicher im Jahr 420 geschrieben, jenes aber auf keinen Fall vor dem Jahr 404! Wir sehen die Sache so an, dass der Geschichtschreiber jeden Ruhepunkt benutzt hat, um das inzwischen gesammelte Material zu sichten, kritisch zu behandeln und zu einer ein- heitlichen Erzühlung zusammenzufassen. So mag er im allgemeinen in jedem Winter, wo ja so- wohl die kriegerischen Ereignisse ruhten als auch grössere Reisen unmöglich waren, die Begeben- heiten des vorigen Sommers aufgeschrieben haben. Wie ihm dann im Lauf der Jahre neues Material zuwuchs, wie seine Anschauungen sich berichtigten und vertieften, hat er seine frühere Darstellung unablässig vervollkommnet, und wenn ein deutlicher Abschnitt der Kriegsereignisse erfolgt war, hat er den zum Abschluss gelangten Teil der Kriegsgeschichte durchgesehen und überarbeitet, und so hat er mit unausgesetzter Arbeit an seinem Lebenswerk fortgefahren bis zum Friedensschluss. Der wiederholten Durcharbeitung bedurften nicht alle Teile in gleicher Weise; die einfachen erzählenden Abschnitte mochten grossenteils, abgesehen von einzelnen Zusätzen und Berichtigungen, die Gestalt behalten können, die er ihnen zuerst gegeben hatte. Aber welcher Vorarbeiten, welcher Studien und Entwürfe mag es bedurft haben, bis so wunderbare Kunst- werke der Historik wie die Demegorieen oder die Archäologie oder die Pentekontaetie ihre jetzige Gestalt bekommen hatten! Was er jedoch auch immer von geschichtlichen Ausarbeitungen da- liegen hatte, als er nach dem Frieden in seine gedemütigte Vaterstadt zurückkehrte, so viel ist unumstösslich sicher: wenn er wirklich der grosse Geschichtschreiber war und nicht ein elender Stümper, so musste er sich sagen, dass alles Vorhandene nur Vorarbeiten seien, dass seine eigent- liche Aufgabe jetzt erst beginne, die Aufgabe nämlich, ein einheitliches Geschichtswerk über den peloponnesischen Krieg zu schaffen, und zwar einheitlich nicht nur in der Form, sondern vor allem in der Gesamtauffassung der Ereignisse, die sich ihm nun einmal erst mit dem Fall Athens völlig feststellen konnte. Und das hat er sich gesagt, wie seine eigenen Worte beweisen, und hat mit Benutzung seiner Vorarbeiten dieses einheitliche Geschichtswerk begonnen und anscheinend noch einige Jahre daran gearbeitet, bis ihm der Tod vor der Zeit die Feder aus der Hand nahm. Und das Werk, das uns vorliegt, ist vom ersten bis zum letzten Kapitel diese Geschichte des peloponnesischen Krieges wie er sie nach 404 endgiltig redigiert hat und wie er sie der Nach- welt übergeben wollte.

So allein kann vernünftigerweise die unitarische Auffassung in der Thukydideischen Frage lauten. Und hieraus ergibt sich nun die richtige Fassung für die mit Ullrichs Arbeiten eröffnete Kontroverse. Ist das unter des Thukydides Namen überlieferte Werk die von dem Standpunkt aus, den der Geschichtschreiber nach der endgiltigen Niederlage Athens gewonnen hatte, einheitlich durchgearbeitete Geschichte des peloponnesischen Krieges, die jener nach seiner eigenen Angabe schaffen wollte? Oder ist es nur eine lockere Zusammenfügung verschiedener früher entstandener Schriften, die sowohl in zahlreichen Einzelheiten wie in der ganzen Komposition und in der geschichtlichen Auffassung dem von Thukydides nach 404 verfolgten Plan wider- sprechen und dadurch ihre frühere Abfassung verraten?

2. Wenn wir nach genauerer Feststellung der Streitfrage nunmehr an ihre Untersuchung

herantreten, werden wir behaupten dürfen, dass die Ullrichsche Ansicht von vornherein keine 2