Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
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Entwurf ganz oder zum Teil niedergeschrieben sein möchten; ja in der 1879 erschienenen dritten Auflage des ersten Buches sagt er, Thukydides habe während des Krieges von allen Ereig- nissen, besonders dem Archidamischen Kriege und dem sizilischen Feldzuge, genaue Aufzeich- nungen und mehr oder weniger ausgeführte Darstellungen geschrieben; aber nach dem Friedens- schluss habe er mit einheitlicher Auffassung das Geschriebene überarbeitet und vervollständigt und so das uns vorliegende Geschichtswerk geschaffen. Ebenso spricht sich ein andrer hervor- ragender Vertreter der unitarischen Auffassung, J. M. Stahl aus:Müller-Strübing meint, es sei herrschende Ansicht der Gegner der Ullrichschen Hypothese, Thukydides habe erst nach dem Fall von Athen sich hingesetzt und sein Werk in einem Zug geschrieben, sei aber an der Vol- lendung durch den Tod gehindert worden. Das ist irrig. Meines Wissens hat niemand unter den Gegnern der Ullrichschen Hypothese geleugnet, dass Thukydides einzelne Teile seines Werkes schon früher ausgearbeitet haben könne¹). Und ganz selbstverständlich muss die Möglichkeit, dass einige, vielleicht grosse Abschnitte vor 404 geschrieben sind, ohne weiteres zugegeben werden, da auch bei der Annahme einer völlig einheitlichen Schlussredaktion der Beweis für das Gegen- teil schlechterdings nicht zu erbringen wäre. Ja noch mehr: es ist höchst wahrscheinlich, dass er in die endgiltige Fassung seines Werkes grosse Teile seiner während des Krieges gemachten Aufzeichnungen unverändert aufnehmen konnte. Dass Thukydides mit der Ausarbeitung seiner Erzählung sofort während der Ereignisse begonnen hat, meint auch E. Meyer, würde selbst- verständlich sein, auch wenn er es nicht in den Eingangsworten seines Werkes ausdrücklich selbst bemerkte ²). Denn da er sein Material fast nur aus mündlichen Berichten gewann und die Un- sicherheit mündlicher Uberlieferung immer aufs neue erfuhr, muss er die eingezogenen Erkun- digungen sofort aufgezeichnet und kritisch verarbeitet haben.Es ist undenkbar, dass er etwa die kerkyräischen und potidäatischen Kämpfe oder die Feldzüge der ersten Kriegsjahre erst dreissig Jahre nach den Ereignissen niedergeschrieben hätte. Diese Aufzeichnungen der einzelnen Be- gebenheiten mögen sich alsbald schon zu einer fortlaufenden Erzählung verbunden haben. Überhaupt sind doch auch wir Verteidiger der Einheitlichkeit des Werkes nicht so ganz von aller guten Vernunft verlassen, wie man zuweilen zu tun beliebts). Wenn man sich darüber klar ist, dass Thukydides der erste war, der die Grundsätze kritischer Geschichtsforschung nicht bloss entdeckt, sondern auch in einer grossartigen Darstellung des Krieges, den er miterlebt, angewandt hat; dass er diese Darstellung durch die Resultate seiner Forschungen über die älteren Zeiten zu einem Bild der Gesamtentwicklung seines Volkes in ihren Grundbedingungen und ihrem Zusammenhang erweitert hat; dass er ferner damit seiner Zeit so gewaltig vorausgeeilt war, dass zahllose Geschlechter kamen und gingen, bis ihm endlich in B. G. Niebuhr zum erstenmal ein Nachfolger erstand, der die geschichtliche Forschung da wieder aufnahm, wo sie vor über zwei Jahrtausenden der grosse Athener abgebrochen hatte): dann wird man die unermessliche Summe

¹) In einer Anzeige von Müller-Strübings Thukydideischen Forschungen, Gött. Gel. Anz. 1882 Bd. I S. 91.

²) Forschungen zur alten Geschichte, B. II S. 271 ff.

³) So bemerkt Wilamowitz in den Curae Thucydideae(Ind. schol. Göttingen 1885) S. 18: qui primus in Thucydide sapere ausus est UlIlrichius, womit denn wohl auch allen Heutigen, die nicht Ullrichs Spuren folgen, das sapere abgesprochen werden soll. Ohne diese Liebenswürdigkeit weiter übel zu nehmen, dürfen wir doch bemerken, dass damit dem alten Krüger bitter Unrecht geschieht, in dessen Schriften zu Thukydides reichlich so viel verständiges Urteil steckt wie in den Arbeiten des letzten Menschenalters. Und wer sich die Mühe nimmt, einmal den Apparatus vor Dodwells 1702 erschienenen Annales Thucydidei et Xenophontei anzusehen, wird auch da schon eine durchaus verständige Untersuchung über die Entstehung des Geschichtswerkes finden, und darin manche Anschauungen zurückgewiesen sehen, die heute als neueste Erkenntnisse philologischer Wissen- schaft vorgetragen werden.

) E. Meyer, Geschichte des Altertums II,§ 9, 10, 18. Wachsmuth, Einleitung in das Studium der alten Geschichte, S. 517 529.