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sondern auch bisher noch gefehlt, und gerade die mangelhafte Fassung des Problems halte ich auch in dieser Sache für eine der wichtigsten Quellen der Misverständnisse und für die haupt- sächlichste Ursache seiner unbefriedigenden Lösung. Diese Unklarheit hängt damit zusammen, dass die Frage nach der Entstehung des Geschichtswerkes, die sich ja schon den alten Thuky- didesbiographen aufgedrängt hat, nicht nur von ihnen, sondern auch in neuerer Zeit, seitdem Laurentius Valla die Thukydideischen Studien wieder eröffnet hat, bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht als literarhistorische Frage gefasst, sondern bei der Biographie des Geschichtschreibers neben- her berührt wurde. Den Ausgangspunkt bildete die Überlieferung über dessen Lebensschicksale, nicht die Betrachtung seines uns vorliegenden Werkes.
Thukydides beginnt bekanntlich mit der Angabe, er habe gleich bei Ausbruch des Krieges in der Erwartung seiner aussergewöhnlichen Bedeutung mit der Arbeit an seinem Geschichtswerk angefangen. Anderseits ergibt sich aus dem zweiten Proömium V, 26, 1 und aus andern Stellen, dass er nach dem Fall Athens mit der Abfassung seines Werkes beschäftigt war. Dass wir uns dies nicht so zu erklären haben, als ob er seine Darstellung von 431 bis 404 gleichzeitig mit den Sreignissen chronikartig niedergeschrieben habe, bedarf für unsre Anschauungen keiner Begrün- dung. Gegen eine solche Annahme spricht das Geschichtswerk auf jeder Seite, ganz abgesehen von den durch alle Bücher zerstreuten Erwähnungen der letzten Kriegsereignisse und von dem mit jener Annahme unvereinbaren Umstande, dass die Erzählung mit dem Jahr 411 abbricht. Demnach scheinen zwei Möglichkeiten übrig zu bleiben: entweder hat Thukydides während des Krieges nur den Stoff zu seiner Darstellung gesammelt, diese selbst aber erst nach 404 von der ersten bis zur letzten Zeile in einem Zug niedergeschrieben; oder er hat sie in einzelnen Partieen sue- cessiv teils während des Krieges, teils nach dem Friedensschluss ausgearbeitet. So scheint die Kontroverse auf den ersten Blick gefasst werden zu müssen, und so ist sie in der Tat von den Verteidigern der Ullrichschen Hypothese vielfach gefasst worden, was sowohl aus manchen Ar- gumenten Ullrichs wie aus zahlreichen Kusserungen seiner Nachfolger hervorgeht ¹). Schon diese unpräzise Fragestellung hat der Ansicht Ullrichs das Bestechende verliehen, das sie von vornherein besitzt. Denn gegen die Annahme, dass ein so gewaltiges und gedankentiefes Werk mit einem Federzug niedergeschrieben sei, sträubt sich unsere heutige Anschauung von dem Werden eines historiographischen Kunstwerkes mit vollem Recht.
In Wahrheit liegt aber die Streitfrage ganz anders. Denn dass Thukydides während des Krieges nichts getan habe, als vorläufige Notizen für eine spätere Gieschichtsdarstellung aufzu- zeichnen, dass er an dieser selbst während des Krieges noch gar nicht gearbeitet habe, das hat weder K. W. Krüger selbst behauptet, der in seinem Leben des Thukydides²) 1832 zuerst die Frage nach der Entstehung unsres Geschichtswerkes zum Gtegenstand einer selbständigen literarhistorischen Untersuchung gemacht und die Einheitlichkeit desselben eingehend verteidigt hat, noch irgend einer seiner Nachfolger. Vielmehr gibt Krüger ausdrücklich die Möglichkeit zu, dass der Gteschichtschreiber vielleicht Einzelnes, wie etwa manche Reden, schon während des Krieges genauer durchgearbeitet habe; die eigentliche Ausführung des Werkes habe er aber erst nach Beendigung des Krieges begonnen. Noch bestimmter räumt Classen in der Einleitung seiner zuerst 1862 erschienenen Ausgabe die Wahrscheinlichkeit ein, dass grosse Teile des Ganzen, wie der zehnjährige Krieg und die sizilische Expedition, schon während des Krieges im ersten ¹) Ich verweise z. B. auf Ippel, Quaestiones Thucydideae 1879 S. 13 u. 41, G. Meyer, Quibus tempo- ribus Thucydides historiae suae partes conscripserit 1880 S. 1. Zimmermann, Quaestiones detempore quo historiarum libri a Thucydide compositi, quoque editi sint 1875 S. 18; ebenso Müller-Strübing in seinen Thukydideischen Forschungen S. 42 ff.—
²) Erschienen zuerst 1832 als Programm des Joachimsthalschen Gymnasiums in Berlin und zugleich als selbständige Schrift; wiederholt in den Kritischen Analekten 1863.


