6 tarier; er sucht die Einheitlichkeit des Werkes durch eine eindringende historische Betrachtung desselben nach allen Seiten zu erweisen und scheut sich auch nicht es auszusprechen, es scheine ihm kein gutes Zeichen für die Leistungsfähigkeit der philologischen Wissenschaft, dass sie ein derartiges Problem trotz der Arbeit eines halben Jahrhunderts noch nicht oder vielmehr falsch gelöst habe.
Diese entschiedene Stellungnahme eines so hervorragenden Forschers hat mir, wie ich mit aufrichtigem Dank bekenne, erst den Mut gegeben, die Ansicht über das Werk des Thukydides, die ich mir seit meiner ersten Beschäftigung mit diesen Fragen vor 20 Jahren gebildet habe,¹) von neuem öffentlich zu verteidigen. Ich weiss wohl, dass das Problem im Rahmen eines Gym- nasialprogrammes nicht zur endgiltigen Lösung gebracht werden kann. Aber da E. Meyers Forschungen anscheinend auf die philologische Arbeit bisher keinen Einfluss geübt haben, möchte ich die Anregung geben, dass auch von philologischer Seite die Untersuchungen über die Ent- stehung des Thukydideischen Werkes von neuem aufgenommen werden. Was ich zur Lösung dieser Aufgabe auf so engem Raume heute beitragen kann, ist nur die Untersuchung der all- gemeinen Grundlagen der Ullrichschen Hypothese. Der mühsamere Teil der Aufgabe, nämlich die Erklärung der zahlreichen Schwierigkeiten, die man in einzelnen Abschnitten und Stellen des Werkes aufgespürt und zur Unterstützung jener Hypothese herangezogen hat, muss zum Teil noch der künftigen philologischen Tätigkeit überlassen bleiben. Aber ich zweifle nicht, dass es gelingen wird, auch vom unitarischen Standpunkt aus die bisher noch ungelösten Schwierigkeiten in befriedigender Weise zu erklären.
1.
Im Gegensatz zu der herrschenden Ansicht behaupte ich folgendes:
1. Für die Ullrichsche Hypothese ist weder durch Folgerungen aus der Komposition und den geschichtlichen Anschauungen des ganzen Werkes, noch durch einzelne Stellen, die man zu ihren Gunsten angeführt hat, irgend ein Beweis erbracht; dagegen ist sie durch allgemeine Er- wägungen, auf die man sich ebenfalls berufen hat, gerade als falsch zu erweisen.
2. Die positive Anschauung, die Ullrich selbst von der Entstehung des Werkes sich ge- bildet hatte, war von vornherein so widerspruchsvoll und unwahrscheinlich, dass ihm darin kaum jemand gefolgt ist.
3. Vielmehr suchten seine Anhänger seine Anschauungen folgerichtiger zu entwickeln, verstrickten sich aber mit diesen Versuchen einer Umbildung der Ullrichschen Hypothese in neue und noch schlimmere Widersprüche.
4. Eben die Erkenntnis, dass die Schwierigkeiten, die man im Thukydidestexte auf- gefunden hatte, durch die Annahme einer Abfassung zu verschiedenen Zeiten nicht erklärt werden können, hat schliesslich zu der Behauptung geführt, dass dieser Text teils von Thukydides selbst, teils von einem unbekannten Herausgeber herrühre. Damit hat man sich aber in eine Sackgasse verrannt, aus der für die ernste wissenschaftliche Untersuchung, die sich nicht mit willkürlichen Phantasieen abgibt, kein Weg mehr weiter führt.
5. Die Ullrichsche Hypothese ist also infolge der inneren Widersprüche, an denen sie von Anfang an litt, bei den Versuchen, sie weiter auszubauen, ganz von selbst zusammengebrochen, und die nächste Generation wird voraussichtlich wieder zu der Ansicht von der Einheitlichkeit des Geschichtswerkes zurückkehren.
Ehe ich dazu übergehe, diese Sätze zu beweisen, ist es dringend nötig, die Streitfrage genau zu formulieren. Denn meines Prachtens hat es daran nicht nur im Anfange des Streites,
¹) Vgl. meine Quaestiones de locis Thucydideis ad comprobandam sententiam UlIIrichianam allatis Dissert. inaug. Giessen 1887, bes. S. 4 und 70.


