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schreibung, zu einem Zerrbild gewandelt wird, ja wenn die Herausgebertheorie noch hinzukommt, sich zu einer völlig nebelhaften Erscheinung verflüchtigt. Freilich ist man meistens nicht so konsequent, diese Folgerung zu ziehen, und fährt fort, Thukydides als den grossen Geschicht- schreiber zu rühnmen. Aber mit welchem Recht tut man es eigentlich, wenn er seine durch seine eigenen Worte bezeugte Aufgabe so mangelhaft gelöst hat, dass heutzutage jeder angehende Philologe in seiner Doktorarbeit ihm auf Schritt und Tritt die gröbsten Widersprüche und Fehler nachweisen kann? Und mit welchem Recht vollends, wenn man grosse Abschnitte seines Werkes von einem Unbekannten verfasst sein lässt? Wer will, wenn es so steht, jemals nachweisen können, was von Thukydides und was von dem Herausgeber herrührt? Ich für mein Teil bin noch keineswegs sicher, dass nicht eines Tages ein besonders phantasievoller Gelehrter ein Buch in die Welt gehen lässt, in dem er den von Schwartz entworfenen Charakterkopf weiter ausführt und mit grossem Scharfsinn den Nachweis antritt, dass Thukydides, des Oloros Sohn, eigentlich ein ganz bornierter und fanatischer athenischer Aristokrat war, und dass die tiefen Gedanken und weiten Gesichtspunkte der Archäologie, der Pentekontaetie, der Reden, überhaupt die einheitliche grosse Auffassung des Krieges das geistige Eigentum des Herausgebers sei, für den in den Hallen der griechischen Gelehrtengeschichte schon ein Name sich wird auftreiben lassen. Was will man also auf einem Weg erreichen, der doch nur zu willkürlichen Gebilden der Phantasie, aber nie zu einem gesicherten wissenschaftlichen Ergebnis führen kann? Was würde ein Mathematiker sagen, wenn man die Möglichkeit behauptete, aus einer einzigen Gleichung zwei unbekannte Grössen eindeutig zu bestimmen!
Aus dem Gesagten geht hervor, was mich veranlasst, mich mit dieser Frage zu beschäftigen. Sowohl die Ullrichsche Ansicht wie die Herausgeberhypothese führen bei konsequenter Folgerung zu einem Urteil über den Historiker und sein Werk, das zu dem unmittelbaren Bild der ge- waltigen Persönlichkeit, das wir durch die Lektüre erhalten, in schroffem Widerspruch steht. Und so handelt es sich für mich darum, durch Beseitigung falscher Hypothesen einem der erhabensten Werke, die der menschliche Geist geschaffen hat, die ihm gebührende Würdigung zurück zu erobern.
Hier fühle ich mich schon wieder vom Tadel wissenschaftlicher Rückständigkeit bedroht, weil ich von unserm Iistoriker mit einer an das klassizistische Ideal früherer Geschlechter er- innernden Bewunderung spreche. Daher berufe ich mich darauf, dass Thukydides allerdings auch heute noch bei denen, deren Urteil uns massgebend sein muss, die gleiche Bewunderung geniesst, die ihm vergangne Zeiten einmütig gezollt haben. Massgebend sind aber in erster Linie die- jenigen, die jenem grossen Genius ein kongeniales Verständnis entgegen zu bringen vermögen, also unsre hervorragenden Historiker. Ich verweise, um hier von Niebuhr ganz abzusehen, vor allem auf den Mann, dessen Urteil unter den Heutigen am schwersten in die Wagschale fällt, auf Eduard Meyer. In seinen Forschungen zur alten Geschichte hat dieser 1899 in licht- vollen und überzeugenden Ausführungen die Resultate einer langjährigen und eindringenden Be- schäftigung mit Thukydides niedergelegt und es dabei mit allem Nachdruck ausgesprochen, dass man den Motiven desselben nicht sorgfältig genug nachgehen und nur immer aufs neue von ihm lernen könne, dass er der unvergleichliche und unerreichte Lehrer der Geschichtschreibung sei, dass seine Reden den Gipfelpunkt nicht nur seiner, sondern aller historischen Kunst bildeten. „Ich will mit denen nicht rechten“, bemerkt er,„die, weil sie Thukydides nicht verstanden haben, zum Teil auch aus prinzipieller Abneigung nicht verstehen wollen, ihn getadelt und verlästert oder an ihm herumkorrigiert und schliesslich sein Werk und oft gerade die gedankenreichsten Stellen für ein aus den hinterlassenen Notizen des Verfassers von einem ungeschickten Heraus- geber zusammengestoppeltes Machwerk erklärt haben. Thukydides' Werk können alle diese An- griffe nichts anhaben; es wird fortleben, so lange die menschliche Kultur den Zusammenhang mit ihrer Vergangenheit aufrecht erhält.“ Auch Eduard Meyer ist also entschiedener Uni-


