4
Wilamowitz es aus:„Die Einheitlichkeit ist dahin— ihre Verteidiger werden zwar nicht aussterben, aber sie mögen sich zu den Verteidigern unsrer Ilias gesellen.“ Ich muss gestehen, dass mir die Gleichstellung unsres Historikers, dessen Anschauung und Plan durch seine eigenen Worte unzweifelhaft feststeht, mit einem alten Volksepos, das unter allen Umständen den Niederschlag einer Jahrhunderte langen dichterischen Tätigkeit darstellt und nur durch einen sehr komplizierten Entwicklungsprozess seine jetzige Gestalt gewonnen haben kann, selbst im Munde eines so berühmten Gelehrten nicht wohlbedacht erscheint.¹)) Und jedenfalls wird sie nicht überzeugender dadurch, dass ein anderer namhafter Gelehrter sie jenem nachspricht:„Die unitarische Auffassung ist in der Thukydideischen Frage ebenso rettungslos verloren, wie in der Homerischen“, meint Eduard Schwartz. Wassoll man aber sagen, wenn diese Anschauung in ihrer vollen Schroffheit dem grossen Publikum als angeblich gesichertes Resultat philologischer Forschung aufgetischt wird, wie dies von demselben Gelehrten in den Vorträgen geschehen ist, die er im Winter 1901/02 am Hochstift in Frankfurt über Charakterköpfe aus der antiken Literatur²) gehalten hat. Da heisst es von der Entstehung unsres Werkes:„Der Torso wurde aus seinem Nachlass herausgegeben. Unvollständiges und Fertiges, ältere Entwürfe und eine angefangene Umarbeitung sind notdürftig zu einem Ganzen zusammengeflickt u. s. w.“ Des weiteren wird da ausgeführt, der Groll über sein zerstörtes Leben habe dem(Geschicht- schreiber die kalte Klarheit des Geistes gegeben, die eine Wonne darin finde, die Dinge hart und scharf, ohne jeden verklärenden Schein, zu sehen. Das Bild Kleons habe er mit vernichtendem Hass gezeichnet, aber sein Hass sei nicht bei dem einen Mitbürger stehen geblieben. Das Gespräch der Athener und Melier solle den Leser bewegen, die Faust zu ballen gegen ein Volk, das solche Schändlichkeiten zum politischen Grundsatz erhebe. Seine Anschauungen über den Krieg habe er in späteren Jahren geändert und eben deshalb begonnen, sein früheres Werk umzustossen. Nicht mehr der Neid der Korinther, sondern die Eifersucht Spartas sei ihm jetzt als die Ursache des furchtbaren Krieges erschienen, und mit leidenschaftlicher Schärfe habe er die Politik des Perikles gegenüber den immer lauter erschallenden Anklagen gegen die Demokratie zu rechtfertigen versucht. Das Bild von attischer Art und attischer Grösse, das er in der Leichen- rede entwerfe, sei von hinreissender Schönheit.„Aber hinter diesem Bilde steigt der Schatten des alten Mannes auf, der nach 20 Jahren des Exils, des Grams und des Hasses, vom siegreichen Feind in die gedemütigte Vaterstadt zurückgeführt, auf dem Boden der Heimat sich besinnt und die ganze Kraft seines stolzen Geistes zusammenrafft, um seinem gefallenen Volk die Leichen- rede zu halten.“
Der hier von Schwartz gezeichnete Charakterkopf, dessen Züge mir, beiläufig gesagt, weder sehr charakteristisch noch recht einheitlich erscheinen, kann uns zeigen, welche Bedeutung der Frage nach der Abfassungszeit unsres Geschichtswerkes zukommt. Denn von ihrer Beant- wortung hängt nicht nur unser literarhistorisches Urteil über das Werk und seinen Verfasser ab, sondern vor allem auch sein Wert als Geschichtsquelle. Für die geschichtliche Auffassung des peloponnesischen Krieges, seiner Ursachen und seiner einzelnen Abschnitte ist unsre Stellung- nahme zu jener Streitfrage geradezu von fundamentaler Bedeutung. Und so wird der kundige Historiker vielleicht schon an jenen Ausführungen von Schwartz beobachten, wie ihm eine verkehrte Ansicht über die Entstehungsweise des Geschichtswerkes auch den Weg zu einer richtigen geschichtlichen Auffassung der dargestellten Ereignisse verlegt.
Jedenfalls ist es aber die notwendige Folge der Ullrichschen Hypothese, dass die scharf umrissene Gestalt des grossen Historikers, des Schöpfers der kritischen und politischen Geschicht-
¹) Auch A. Bauer, Philologus B. 46(1888) S. 468 Anm. 3 findet diese Uniformierung der Lösungs- versuche auf so verschiedenen Gebieten bedenklich. ²) Eduard Schwartz, Charakterköpfe aus der antiken Literatur. Fünf Vorträge. Leipzig 1903.


