Aufsatz 
Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides
Entstehung
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Die einheitliche Redaktion des Geschichtswerkes des Thukydides.

Von Professor Dr. Hugo Müller.

Wenn ich es unternehme, von neuem die alte Ansicht zu verfechten, dass das Werk des Thukydides vom Anfang bis zum Schluss in der Gestalt vor uns liegt, die ihm der grosse Geschicht- schreiber nach dem Ende des peloponnesischen Krieges auf Grund eines einheitlichen Planes und einer einheitlichen Gesamtauffassung der Ereignisse gegeben hat, so bin ich mir dessen sehr wohl bewusst, dass ich an eine zur Zeit recht undankbare Aufgabe herantrete. Denn bei den Wortführern der philologischen Wissenschaft herrscht im allgemeinen die zuerst von Fran⸗ Wolfgang Ullrich im Jahre 1845 ausgesprochene entgegengesetzte Anschauung, dass Thukydides bedeutende Abschnitte seines Werkes schon während des Krieges als selbständige Schriften abgefasst und nach 404 nur sehr oberflächlich miteinander verbunden habe.¹) Ja mehrere sind in Verfolgung dieser Gedanken sogar dahin gelangt, dass sie viele Teile des Geschichtswerkes gar nicht dem Thukydides selbst, sondern einem unbekannten Herausgeber zuschreiben und die vermeintlichen Widersprüche des Textes damit zu erklären suchen. Diese Herausgeberhypothese, für die vor allem Wilamowitz in seiner temperamentvollen Weise eingetreten ist, hat ja wohl mehr Ablehnung als Zustimmung gefunden. Um so ängstlicher aber hütet sich jeder Philologe, der etwas auf sich hält, durch Eintreten für die Einheitlichkeit des Werkes seine wissenschaftliche Reputation aufs Spiel zu setzen. Denn das ist keine Frage: Die unter Ullrichs Namen gehende Anschauung hat den Schein eines tieferen wissenschaftlichen Eindringens in den Thukydidestext für sich, und die Annahme einer einheitlichen Niederschrift durch den Verfasser erscheint unsern heutigen Philologen, deren Stärke und Stolz die mit allen Mitteln einer fein ausgebildeten Technik operierende Detailforschung ist, leicht als gar zu harmlos und kindlich. So werden denn viele Anhänger Ullrichs auf die entgegengesetzte Ansicht als einen überwundenen Stand- punkt von vornherein mit einer gewissen Geringschätzung herabschauen. Muss es sich doch der Mann, der die Einheitlichkeit des Werkes vor allen andern mit Umsicht und feinem Verständnis vertreten hat, Johannes Classen, nach seinem Tod gefallen lassen, dass der Herausgeber der Neubearbeitung seiner Ausgabe J. Steup seine Beweisführung ohne weiteres gestrichen und eine Verteidigung der Gegenansicht an die Stelle gesetzt hat. Mit unverhohlenem Spott sprach

¹) Beiträge zur Erklärung des Thukydides. Programme des Johanneums in Hamburg 1845 und 1846. 1904. Progr. Nr. 737. 1*