Resonanzschwingungen gespannter Saiten.
I. Einleitung. Eigenschwingung und Resonanzschwingung.
Seit 1860 hat eine Reihe von merkwürdigen Schwingungserscheinungen an gespannten Saiten das Interesse des experimentierenden und kalkulierenden Akustikers lebhaft in Anspruch genommen. Diese Erscheinungen sind nach ihrem Entdecker benannt und als„Meldes Fadenschwingungen“ jedem Physiker geläufig..) Wiewohl schon vor Melde ähnliche Versuche, namentlich von Savart und Dahamel, angestellt wurden, so sind sie doch erst durch den experimentellen Scharfsinn des deutschen Forschers zu eingreifender Bedeutung gelangt. Mit Recht sagt daher Postula, ein bel- gischer Akustiker: ²)„L'expérience de Melde est entrée dans le programme des cours classiques, et forme une des plus brillantes parties du chapitre, ordinairement trop écourté, de l'Acoustique.“
Man begreift unter dem genannten Namen gewöhnlich solche Transversalschwingungen, welche in einem gespannten Faden dadurch erzeugt werden, dass man irgend einen Punkt desselben einer periodischen Bewegung unterwirft. Letztere kann transversal oder longitudinal, ja selbst in einer Kurve vor sich gehen. Für das Gelingen des Versuchs sind möglichst weiche und biegsame Fäden erforderlich, während bei den gewöhnlichen Stahl- und Darmsaiten wegen ihrer bedeutenden Steifigkeit ein namhafter Teil der Energie anderweitig in Anspruch genommen wird.²) Bisher wurde meist nur ein Punkt, durchgängig der Endpunkt des Fadens, als„Erregungscentrum“ ge- wählt; indessen ist es für viele Untersuchungen, besonders aber zur allgemeineren Auffassung vieler Erscheinungen sehr ratsam, die Endpunkte absolut fest zu erhalten und das Erregungscentrum nach anderen beliebig gewählten Punkten der Fadenstrecke zu verlegen.*) Im Übrigen bleibt es ganz
¹) Pogg. Ann., CIX, 193— 215:„Über die Erregung stehender Wellen eines fadenförmigen Körpers“, I. Abt., u. ebendas. CXI, 513— 537.
²) Nouvelle étude des expériences de M. Melde sur les vibrations communiquées aux cordes par des corps sonores (Lüttich, J. Gothier, 1879), 35 S.
²) Auch Glasfäden eignen sich nach Valérius recht wohl zu hübschen Experimenten. Sehr dünne Metallfäden sind, wie unten mehrfach gezeigt werden wird, ebenfalls für gewisse Zwecke zu empfehlen.
¹) Melde hat in den citirten Fundamentalabhandlungen schon den Fall untersucht, wenn beide Endpunkte einer vibrierenden Bewegung unterworfen sind.
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