Aufsatz 
Die geologischen Verhältnisse von Alzey und seiner Umgebung. Eine historisch-geologische Skizze
Entstehung
Einzelbild herunterladen

NG

oder gänzlich fehlen, werden Rippen, Wirbel, Zähne und andere Skelettteile angetroffen und häufig ganze Skelette wie bei Alzey und Flonheim ausgegraben. Mit diesen merk- würdigen Tieren sind die in den heissen Meeren lebenden Sirenen oder Seekühe, die grosse plumpe Tiere vorstellen und deren Vorderkörper einer Robbe und deren Hinter- körper einem Wale gleicht, nahe verwandt. Der Kopf dieser Tiere ist verhältnismässig klein, aber vom Rumpfe deutlich abgesetzt und mit einer dickwulstigen Schnauze und mit von starken Borsten besetzten Lippen ausgerüstet. An der Schnauzenspitze münden die Nasenlöcher aus. In Anpassung an das Wasserleben sind die Vorderextremitäten in Ruderflossen umgewandelt, und der Schwanz endet in einer Finne wie beim Walfisch. Die Hinterbeine fehlen vollständig. Das ganze Tier ist mit einer dicken, von spärlichen, borstenartigen Haaren besetzen Haut eingehüllt,. Nach den äusseren Merkmalen könnten diese Tiere zu den Walen gerechnet werden, der Schädel und das Gebiss weisen dagegen auf die Verwandtschaft mit den Huftieren hin. In der Gegenwart sind die Seekühe nur noch durch 2 Gattungen vertreten, von denen die eine, Halicore, seichte Buchten und Flussmündungen an den Küsten des Roten Meeres und des indischen Ozeans, die andere, Manatus, die Ufer Süd- und Mittelamerikas und die Westküste des tropischen Afrikas bewohnt. Seepflanzen, Tange, Gräser und Süsswasserpflanzen, die die Tiere in grosser Menge verschlingen, bilden ihre Nahrung. Die Seekühe verlassen ihre Weideplätze nur, wenn sie dieselben vollständig abgeweidet haben, und unternehmen dann oft bedeutende Wanderungen, die nur an der Küste entlang stattfinden. Grössere Tiefen werden von den Tieren gemieden. Die Sirenen sind demnach ausschliesslich Küstenbewohner, und ihr Vorkommen in den Meeressanden bestätigt unsere Behauptung von neuem, dass die Küste des Tertiärmeeres sich in der Nähe von Alzey ausgedehnt haben muss. Auch ist die Vermutung zulässig, dass die Küste eine seichte war, an der auf grosse Strecken hin ein üppiger Pflanzenwuchs aus Schilf, Gräsern, Tangen und anderen Küstenpflanzen gedieh. Weiteres über die Flora dieser Küste sowie des von ihr umsäumten Landes zu berichten, ist unmöglich, da so gut wie gar keine Pflanzenreste in den Alzeyer Meeres- sanden gefunden worden sind. Wahrscheinlich sind dieselben von dem leicht beweg- baren Sande und den groben Geröllen zermalmt worden, ehe sie zur späteren Erhaltung eingebettet werden konnten. Weit besser sind wir dagegen von der Fauna, die das Festland bevölkerte, unterrichtet. Darnach tummelten sich in den Flüssen Schildkröten, die den Gattungen Trionyx und Emys angehörten, und Krokodile, deren Knochenplatten bei Mauchenheim, Flonheim und Alzey im Meeressande öfters gefunden worden sind. Sehr arm dagegen waren wahrscheinlich die Säugetiere vertreten, da bis jetzt nur der Unterkiefer eines Raubtieres, des Hyaenodon von Flonheim und zwei Unterkiefer des Anthracotherium magnum aus der Umgegend von Alzey bekannt wurden. Das Anthra- cotherium war ein Wiederkäuer, der äusserlich in Gestalt und Grösse dem Flusspferde, seiner inneren Organisation nach dem Schweine glich. Wenn auch keine weiteren Reste anderer oligocäner Vertreter überliefert worden sind, so ist doch höchst wahr- scheinlich, dass auch das Flusspferd, ferner der Tapir, das Rhinozeros und das Zwerg- moschustier, die in den Nachbarländern vorkamen, auch unsere Landschaft bewohnten.

Die Meeressande, die die vorhergeschilderte reiche Fauna beherbergen, sind weisse, gelbe, rote oder auch manchmal braune Sande, deren Hauptbestandteile Quarzkörner, Tonteilchen und Eisenoxyd sind. Ihnen gesellen sich noch Nebenbestandteile der ver- schiedensten Art bei, die von den Gesteinen des Untergrundes stammen und die Beschaffen-