Aufsatz 
Darstellung der Psychologie bei Condillac und Bonnet : philosophische Abhandlung / von Paul Mülhaupt
Entstehung
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gleicht und auf die folgenden Achtung hat, welche am natürlichsten aus jenen zu fliessen scheinen. Endlich bespricht er den Zustand der Statue, welcher stattfinden würde, wenn alle Fibern des Geruchinns in Bewegung gesetzt worden wären. Gegen Ende handelt er noch über Wachen und Träume der Statue, über Glückseligkeit und Unglückseligkeit derselben. ¹¹6) Endlich hat er die Statue zu einem vernünftigen, denkenden Wesen heran-

ebildet, hat sie aus dem Zustand eines blos empfindenden in den Zustand eines denken- Jen Wesens übergeleitet, und schliesst, indem er sagt, dass er das, was er über den Geruch gesagt, auch über die andern Sinne hätte sagen können. ¹¹⁷)

Aus der Darstellung, welche wir hier von den Psychologischen Untersuchungen Condillac's und Bonnet's gegeben haben, dürfte wohl zur Genüge ersichtlich sein, in wie nahem Zusammenhange sie mit dem Sensualismus Locke's stehen.

Gleichzeitig mit Hume, in vielen Punkten mit ihm übereinstimmend, aber ganz unabhängig von ihm, sucht Condillac seine Aufgabe zu lösen. 1¹¹8)

Sein Verhältniss zu Locke haben wir schon berührt, das zu Hume ist räthsel- haft; er gebraucht einmal eine Wendung, welche aus Hume entnommen zu sein scheint (sur Por: I., sect. I.,§. 1); sonst erwähnt er ihn nicht. Genaue Bekanntschaft hatte er mit der Lehre Mallebranche's, von welcher er den Occasionalismus beibehielt, gemacht.

Beide, Condillac und Bonnet, sind, wie aus der obigen Darstellung zur Evi- denz erhellt, in die Fusstapfen Locke's getreten, haben aber dessen philosophische Lehren consequenter weiter geführt. Hiernach kann ihr Philosophischer Standpunkt leicht festge- stellt werden. Sie sind die eifrigsten Anhänger des Sensualismus. Zum Ausgange ihrer Psychologie nehmnen beide die Erfahrungen und Erscheinungen, und suchen deren Gründe zu erforschen und darzulegen. Die Methode ist die analytische. In der That ist es als ein gelungener Versuch anzuschen, die Psychologie nur an dem Faden der Erfahrung aufzubauen. Bonnet hat dazu noch das grosse Verdienst, auch auf die physiologischen Vorgänge grosse Aufmerksamkeit gerichtet zu haben und auf die Abhängigkeit der See- lenthätigkeiten von dem Nervensystem. Er hat hierdurch die Psychologie von manchen aus den philosophischen Systemen des Alterthums, des Mittelalters hergebrachten und vor- gefassten Ansichten geläutert und gereinigt, und so einen, wenn auch schwachen Versuch gemacht, die psychologischen Erscheinungen mit den Forschungen der Naturwissenschaften in Einklang zu bringen.

Condillac's und Bonnet's Sensualismus ist für die Entwicklung der Philosophie in Frankreich von der grössten Tragweite gewesen, indem sich der Materialismus natur- Fennäas daraus entwickelte. Wenn Condillac und Bonnet selbst, durch ihre religiösen

esinnungen abgeschreckt, es nicht wagten, die äussersten Consequenzen zu ziehen, ja so- gar gegen den Vorvurf des Materialismus heftigen Widerspruch und gewaltige Einrede ¹¹⁴)

¹¹⁶) Ib. XXIII. und XXIV.

¹17)§. 853: Hier beschliesse ich die Analyse. Was ich über den Geruch vorgetragen, lässt sich leicht auf andre Sinne anwenden. Vergleiche noch§§. 853 und 854.

1¹8) Erdmann, S. 194. Ein Mann, der, nicht consequent genug, die Materialität der Seele zu behaup- ten, dennoch der Vater des Materialismus geworden ist, nicht consequent genug, alle Selbstthätigkeit derselben zu läugnen, dennoch für diejenigen den Anhaltspunkt gegeben hat, welche sie ganz mechanisch determinirt sein lassen, endlich nicht frivol genug, die Gottheit zu läugnen, doch von denen, die es thaten, als der grösste Metaphysiker gepriesen worden ist.

¹¹) Bonnet, Vorrede p. 25.