6. erneuern sich mit mehr Lebhaftigkeit und beschäftigen die Seele so sehr, dass sie im Stande sind, die andern in Vergessenheit gerathen zu lassen. ²⁷)
Das Gedächtniss ist also eine Folge von Vorstellungen, welche eine Art von Kette bilden ²⁸), hierdurch wird der Uebergang von einer Vorstellung zur anderen vermittelt und die Möglichkeit gegeben, selbst der entferntesten sich zu erinnern. Die Erinnerung an eine frühere Idee wird folglich dadurch herbeigeführt, dass man im Stande ist, mit grösserer oder geringerer Selmelligkeit die Mittelvorstellungen sich zu vergegenwärtigen.
Bei der Erinnerung handelt die Seele um so energischer, je mehr sie durch die Stärke der Lust oder Unlust hierzu bestimmt wird. Zur Erkenntniss dieser Wahrheit muss man die verschiedenen Grade von Lust und Unlust unterscheiden und einer Ver- gleichung unterziehen. ²⁹)
Oondillac unterscheidet zwei Arten von Lust und Unlust; die eine bezicht sich mehr auf den Körper und ist fühlbar; die andere ist im Gedächtniss und in allen Fühigkeiten der Seele, sie ist intellectueller oder spiritueller Art, die Statue aber vermag diesen Unterschied nicht zu fassen. ³⁰)
Das Bedürfniss erklärt Condillac daraus, dass er sagt: Die Statue, wenn sie sich in einem unangenehmen oder minder angenehmen Zustande befinde, gedenke der vergangenen Empfindungen und es würde in ihr das Gefühl rege, wieder zu werden, was sie gewesen; die Vergleichung eines Zustandes endlich, den die Statue für gleichgültig zu halten gewohnt ist, mit glücklichen Lagen, erzeugt in ihr das Gefühl der Unlust oder der Langweile. ³¹)
Den Unterschied des Gedächtnisses und der Einbildungskraft bestimmt Condillao auf folgende Weise: ³²)
Das Gedächtniss hat zwei Wirkungen, die eine ist eine Empfindung, welche so lebhaft wieder vorgestellt wird, als wenn sie in dem Empfindungsorgan selbst vorginge, die andere ist eine solche, von der nur ein schwaches Andenken zurückbleibt. Die erste ist die Einbildungskraft, die letztere das Gedächtniss. 3³)
Indessen, wenn die Statue eine Empfindung, welche sie nicht mehr hat, sich ein- bildet und solche sich so lebhaft vorstellt, als ob sie dieselbe noch hätte, so weiss sie nicht, dass es in ihr selbst eine Ursache gibt, welche dieselbe Wirkung hervorbringt wie ein riechender Körper, der auf ihr Organ einwirken würde; sie ist nicht, wie wir, im Stande, die Einbildung von der. Sinneswahrnehmung zu unterscheiden. 3³⁴)
Die Itärke der Bedürfnisse ist verschieden, und hierin liegt der Grund der Grade
²7) Ib. p. 68,§. 19.
26) Ib. p. 68,§. 20: La mémoire est donc une suite d'idées, qui forment une espèce de chaine. C'est cette liaison qui fournit les moyens de passer d'une idée à une autre, et de se rappeler les plus éloignées. On ne se souvient, par conséquent, d'une idée qu'on a cue, il y a quelque temps, que parce qu'on se retrace avec plus au moins de rapidité les idées intermédiaires.
23) Ib. p. 69,§. 21.— ¹⁰) Ib. p. 69,§. 22.— 3¹) Ib. p. 72,§. 25 und p. 75,§. 26. ³2) Ib. p. 77,§. 29.
2) Ib. p. 78,§. 29. Or, elle conserve le nom de mémoire, lorsqu'elle ne rappelle les choses que comme passées; et elle prend le nom d'imagination, lorsqu'elle les retrace avec tant de forces qu'elles parois- sent présentes. L'imagination a donc lieu dans notre statue, aussi bien que la méêmoire; et ces deux facul- tés ne diffèrent que du plus ou moins. La mémoire est le commencement d'une imagination qui n'a encore que peu de force;'imagination est la memoire méme, parvenue à toute la vivacité dont elle est susceptible.
³4) Ib. p. 77— 82,§. 29— 34.


