Aufsatz 
Fauna der näheren Umgegend von Bingen : A, I: Säugetiere und Vögel
Entstehung
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Haben die Schüler einmal eine größere Anzahl von Naturgegenſtänden kennen gelernt und beſchrieben, wodurch zugleich nebenbei der mündliche und ſchriftliche Gedankenausdruck ungemein gefördert wird, ſo läßt ſich ganz unter der Hand dem ſpätern Unterrichte von mehr wiſſenſchaftlichem Charakter vorarbeiten. Es ſeien z. B. nacheinander der Sper⸗ ber, der Hühnerhabicht, der Thurmfalke, der Buſſard u. ſ. w. nach vorheriger Anſchauung und gründlicher Beſprechung beſchrieben worden, ſo wird es dem Lehrer leicht gelingen, die Schüler einerſeits die allen gemeinſchaftlichen und anderer⸗ ſeits die unterſcheidenden Merkmale auffinden zu laſſen. Iſt auf dieſe Weiſe eine größere Anzahl ſolcher zuſammenge⸗ höriger Gruppen beſchrieben worden, ſo wird es den Schülern ſelbſt gelingen, aus einer Anzahl ihnen vorgeſtellter Thiere die zuſammengehörigen herauszufinden und zuſammenzuſtellen. Dadurch lernen ſie Das kennen, was man den Habi⸗ tus eines Thieres nennt, und die Begriffe von Arten und Gattungen u. ſ. w. werden ſich durch ein ſolches Verfahren auf die leichteſte und naturgemäßeſte Art nach und nach von ſelbſt entwickeln. Ganz in derſelben Weiſe kann man mit den Naturgegenſtänden anderer Reiche verſahren. Stets wird man indeſſen mit dem Thierreiche beginnen, weil die Thiere dem Kinde von allen Naturgegenſtänden am erſten bekannt werden, und deren Betrachtung für dasſelbe auch erfahrungs⸗ gemäß am intereſſanteſten und zudem am leichteſten iſt.

Zu einer ſolchen Behandlungsweiſe gehören indeſſen jahrelange Uebungen, und man darf nicht müde werden, immer wieder von Neuem anſchauen und beſchreiben zu laſſen, ſelbſt, wenn ſich hierbei auch Manches wiederholt. In Bezug hierauf ſagt Auerswald pag. VIlI. der oben erwähnten Einleitung:Daß eine ſolche Behandlungsweiſe nicht frei ſein kann von einzelnen Wiederholungen, verſteht ſich von ſelbſt; wir wiederholten jedoch auch Manches ganz ab⸗ ſichtlich, um es dem Gedächtniſſe um ſo leichter und ſicherer einzuprägen.

Den Schluß des Unterrichtes bildet die Syſtematik, die nun dem Schüler, nachdem er Objecte zum Syſtema⸗ tiſiren hat, gewiß nicht mehr ſo reizlos und trocken erſcheinen wird, als in dem Falle, wo man mit derſelben beginnt und den Schüler zwingt, ſeinem Gedächtniſſe eine Nomenclatur einzuprägen, die jetzt für ihn weder Nutzen, noch Bedeu⸗ tung hat, da ſie in kurzer Zeit wieder vergeſſen wird. Was aber richtig angeſchaut wurde, das haftet, das geht über in Fleiſch und Blut, wird aſſimilirt und bildet den Stoff, von dem die Abſtraction ausgehen kann.

Zu einem ſolchen Unterrichte muß man aber, wie ſchon oben bemerkt wurde, die Naturgegenſtände ſelbſt haben; denn Abbildungen, welche in vielen Fällen, beſonders da, wo es ſich um ausländiſche Naturalien handelt, ein ſehr ſchätzens⸗ werthes Unterrichtsmittel ſind, müſſen dennoch immer weit hinter dem Gegenſtande ſelbſt zurückſtehen, da auch die ge⸗ treueſte Ausführung derſelben nicht Alles wiedergeben kann, was man an dem Naturgegenſtande ſelbſt zu beobachten im Stande iſt. Insbeſondere muß man auch dafür ſorgen, daß man an einer Reihe von Säugethierſchädeln die verſchiede⸗ nen Zähne und deren Stellung zur Anſchauung bringt, weil dies für die ſpätere Syſtematik von größter Wichtigkeit iſt und an ausgeſtopften Thieren nicht immer gut beobachtet werden kann. Nicht minder wichtig für dieſen Zweck ſind Skelette. Den obigen Erörterungen gemäß habe ich ſeit mehreren Jahren den Naturerzeugniſſen der nähern Umgegend Bingens meine beſondere Aufmerkſamkeit geſchenkt und geſammelt, was zu haben war, und ſoweit es meine freie Zeit ermöglichte. Da es für jeden Gebildeten von Intereſſe ſein dürfte, zu erfahren, welche Naturerzeugniſſe ſeiner Heimath angehören, auch wenn er ſich nicht ſpeciell mit dieſem Fache beſchäftigen kann, ſo habe ich es unternommen, nach und nach eine Zuſammenſtellung und Aufzählung derſelben zu liefern, ohne mich auf eine weitere Beſchreibung einzulaſſen, die in jeder guten Naturgeſchichte nachgeleſen werden kann, und als Beigabe zum Programme zu veröffentlichen. Zu⸗ gleich verſichere ich, daß ich jede Mittheilung bezüglich mir unbekannt gebliebener Naturerzeugniſſe mit Dank entgegen⸗ nehmen werde.

4 Mit der Fauna beginnend, werde ich, da der Raum eines Programmes zu beſchränkt iſt, um das Ganze, wenn es einigermaßen gründlich behandelt werden ſoll, auf einmal aufzunehmen, von Jahr zu Jahr einen Theil liefern bis zur Beendigung desſelben.

Jauna der nähern Amgegend von Bingen.

A. Wirbelthiere(Vertebrata). I. Abtheilung: Säugethiere und Vögel.

I. Säugethiere(Mammalia).

Die Ordnung der Flatterthiere(Cheiroptera) iſt durch 3 Arten vertreten. Dieſe ſind: Vespertilionea, Fledermäuſe:

1) Vespertilio murinus L., die gemeine Fledermaus, die größte der bei uns vorkommenden Arten. Sie wurde mir von der Ruine Klopp vor deren Reſtauration geliefert.

2) Plecotus auritus L., die langohrige Fledermaus, deren Ohren doppelt ſo lang ſind, als ihr Kopf. Sie iſt hier häufiger, als die vorhergehende und wird mir faſt jedes Jahr gebracht.

3, Vesperugo noctula Daub. Die frühfliegende oder Speckfledermaus, allenthalben häufig.

Etwas zahlreicher iſt die Ordnung Raubthiere(Carnivora) vertreten, und es ſind aus der Abtheilung Inſektenfreſſer(Unsectivora) anzuführen: