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Fauna der nähern Umgegend von Bingen.
Hierzu als Einleitung einige Worte über den naturgeſchichtlichen Unterricht von Reallehrer Mühr.
Einleitung.
Der eigentliche naturgeſchichtliche Unterricht beginnt in der Regel nicht vor dem 10. oder 12. Lebensjahre der Schüler; es kann demſelben ader in den unterſten Claſſen der Realſchulen, namentlich in den ſogenannten Vorbereitungs⸗ claſſen, wo ſolche beſtehen, durch eine Art von naturgeſchichtlichem Anſchauungsunterrichte, ein gutes Fundament gelegt werden, auf dem ſich ſpäter mit dem größten Nutzen und Erfolge für die Schüler weiter bauen läßt. Der Anſchau⸗ ungsunterricht ſoll im Allgemeinen hauptſächlich dazu dienen, den Schülern das gedankenloſe Anſehen, wie es leider einer großen Anzahl derſelben von Hauſe aus anklebt, abzugewöhnen und ſie zum denkenden Anſchauen, wie es dem Menſchen geziemt, hinzuleiten und hiermit zur naturgemäßen Entwicklung ihrer Geiſteskräfte beizutragen. Es iſt aber vielfach die Klage laut geworden, daß durch dieſen Unterricht oft gerade das Gegentheil von Dem erreicht würde, was er bezwecken ſollte, und daß die Schüler in ihrer Gedankenloſigkeit nur gefördert würden. Wir können dies nur von ſogenanntem Anſchauungsunterrichte zugeben, bei welchem entweder der gewählte Stoff die Schüler nicht in⸗ tereſſirt, weil er ihnen zu fern liegt und der Stufe der geiſtigen Entwicklung, auf der ſie ſtehen, nicht angepaßt iſt, oder bei welchem die beſprochenen Gegenſtände dem Schüler gar nicht vor Augen geführt werden. Der Lehrer muß alſo vor Allem dafür ſorgen, daß er angemeſſenen Stoff zu dieſem Unterrichte zur Hand habe. Wo könnten wir aber ſchönern, für das Kind paſſendern und intereſſantern, kurz in jeder Beziehung geeignetern Stoff finden, als in der Natur? Wie glücklich ſind die Kinder, wenn ſie, den engen Räumen des Wohn⸗ und Schulzimmers entronnen, hinauseilen können in Gottes freie Natur! Welch' reges Intereſſe an Naturgegenſtänden wohnt ihnen inne! Hier pflücken ſie Blumen und winden ſie zu Kränzen oder ordnen ſie zu Sträußen; da jagen ſie bunten Schmetterlingen und Käfern nach; dort leſen ſie die glimmernden Steinchen und zierlichen Muſcheln aus dem Sande. Verwandelt man das hiermit verknüpfte, zügelloſe Herum⸗ ziehen, wo es ſein kann, in Spaziergänge unter geeigneter Aufſicht, lenkt man jene Luſt zum Sammeln in die richtige Bahn und verbindet damit die aufmerkſame Betrachtung und Beobachtung der Naturgegenſtände, ſo hat man die Grund⸗ züge des naturgeſchichtlichen Anſchauungsunterrichtes, wie er auf der unterſten Stufe beſchaſſen ſein muß. Ehe alſo die Kinder mit den Naturerzeugniſſen ferner Länder bekannt gemacht werden, ehe man ihnen von Arten, Gattungen, Familien, Ordnungen und Klaſſen, überhaupt von einem Syſteme redet, ſollen ſie eine möglichſt große Anzahl von Naturgegen⸗ ſtänden aus ihrer nächſten Umgebung kennen lernen; aber nicht blos dem Namen nach, ſondern auch, ſoweit es ihre je⸗ weilige Entwicklungsſtufe erlaubt, nach der äußern und innern Beſchaffenheit. Sehr treffend bemerkt in dieſer Bezieh⸗ ung B. Auerswald in der Einleitung zu ſeinem vortrefflichen Werke„Botaniſche Unterhaltungen zum Verſtändniß der heimatlichen Flora“ pag. VI. Folgendes:„Was aber die populären, naturwiſſenſchaftlichen Leitfäden betrifft, ſo war „es mit wenigen, rühmlichen Ausnahmen bisher darin Sitte, Naturwiſſenſchaft zu treiben, ohne die Natar ſelbſt dazu zu „nehmen, d. h ein ſyſtematiſch geordnetes Gebäude aufzubauen und Hunderte und Tauſende von Regeln und Geſetzen „auswendig lernen zu laſſen, ohne die Geſetze ſofort in der uns umgebenden Natur aufzuſuchen und zu erkennen“ u. ſ. w. Sodann fährt er ſort:„Kein Wunder, daß bei dieſer Art und Weiſe der Naturſtudien das Buch der Natur „nicht auf die Dauer intereſſant gefunden werden kann, daß man die Botanik, die mannigfachen Zweige der Zoologie „u. ſ. w. auf dieſelbe Weiſe nach einem Jahre wieder über Bord wirft, wie ſich ein Kind von ſeiner Siegelſammlung „trennt, die von ihm nur ſo lange gepflegt wurde, als ſie ihm etwas Neues war.“
Bezüglich der für den Unterricht nöthigen Naturgegenſtände iſt man aber nirgends in Verlegenheit; denn wie reich iſt die Natur überall, wenn man nur zu finden weiß, was ſie bietet! Deßhalb muß der Lehrer der Naturwiſſen⸗ ſchaften Sorge tragen, Sammlungen zu dieſem Zwecke anzulegen, damit er für ſeinen Unterricht ſtets Das zur Hand habe, was er braucht. Wer ober für ſein Fach begeiſtert iſt, dem wird es nicht ſchwer fallen, auch wenn er ſelbſt nicht präpariren kann, unter Mitwirkung von Freunden der Naturkunde, deren ſich überall finden, kleine Naturalienſammlungen für die Schule anzulegen. Iſt der Lehrer einmal als Sammler bekannt, ſo wird ihm bald von allen Seiten zugetragen, und mit der Zeit wird er in den Beſitz ausreichender Hülfsmittel für den naturgeſchichtlichen Unterricht kommen. Liebe und Eiſer zur Sache führen hier, wie überall, zum Ziele. Hierbei hat man ſein Augenmerk beſonders auf ſolche Na⸗ turalien zu richten, die man nicht immer ſofort und in friſchem Zuſtande zur Hand haben kann, was namentlich für das Mineral⸗ und Thierreich gilt. Dagegen ſind bei der Betrachtung von Pflanzen die friſchen, lebenden Exemplare ſtets den Mumien des Herbariums vorzuziehen, weil ſich an letztern die wichtigſten Theike gar nicht mehr in der Weiſe unterſuchen und beobachten laſſen, wie es für Kinder nöthig iſt. Auf dieſe Weiſe iſt es in Bingen durch das Zuſam⸗ menwirken aller Lehrer und Freunde der Realſchule gelungen, ganz anſehnliche Sammlungen herzurichten, indem das zoologiſche Cabinet über 400 ausgeſtopfte Säugethiere und Vögel, Säugethierſchädel zur Veranſchaulichung der Gebiſſe, eine Eier⸗ und Inſektenſammlung ꝛc. enthält, und die Mineralien⸗ und Petrefaktenſammlungen mehrere Schränke füllen u. ſ. m.


