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Bereitwilligkeit zur Verfügung gestellt. Leider vergieng ein volles Vierteljahr, ehe die Reform alle Instanzen durchlaufen hatte und in's Leben treten konnte. Vom 26. April bis 4. Juni musste also nach einem provisorischen Stundenplan in der alten Weise unter- richtet werden; erst nach Pfingsten(9. Juni 1870) begann die neue Ordnung. Diese enthält, wie schon früher kurz angegeben wurde, vier Aenderungen:
1. Um die Hebung des mathematischen Unterrichts zu bewirken, wurde in beiden Oberclassen die wöchentliche Stundenzahl von drei auf vier Mathe- matikstunden erhöht und die Unterprima von der Oberprima für dieses Fach getrennt. Da der bisherige Lehrer schon früher eine zu grosse Stundenzahl zu tragen hatte, konnte nicht daran gedacht werden, ihm diese Mehrstunden zuzumuthen. Es wurde also der gesammte mathematisch-physikalische Unterricht in Prima einem andern Lehrer, dem Herrn Prof. Dr. Zehfuss, übertragen. Ebenso wurde in den beiden Abtheilungen der Tertia Naturkunde als ein neuer Lehrgegenstand eingeführt mit je 2 Stunden wöchent- lich, und diese sowie vier Rechenstunden in Quinta in die Hände besonderer ge- schickter Fachlehrer gelegt.
2 und 3. Die Trennung beider überfüllter Oberclassen und die Zurückführung des 10 jährigen Cursus auf den normalen 9jährigen (Einziehung der Septima) unterstützten sich insofern gegenseitig, als einer der Lehrer der Unterclassen(Herr Dr. Steitz), welcher durch die Combination der Sexta und Septima zum Theil hier frei wurde, für die Mehrstunden der getrennten Secunda verwendbar war, konnten aber begreiflicherweise im ersten Jahr der Reform nicht vollständig erreicht werden. So blieben in den beiden Abtheilungen der Sexta noch 6 Lateinische(und 3 Schreibstunden) ungetrennt, und es war die Aufgabe der beiden Classenlehrer, diese Schüler im Lateinischen, unter Erweiterung des Pensums der untersten Classe, in der Art zu fördern, dass die besseren der unteren Abtheilung mit denen der oberen, deren Pensum beschränkt wurde, Ostern 1871 zusammen in Quinta übertreten könnten. Quinta wird dann im folgenden Schuljahr einen Theil des früheren Sextapensums übernehmen, und so weiter die nächste Classe in den nächsten Jahren, bis sich in Unter- oder Ober- Tertia der Verlust wieder ausgleicht, so dass der bisher auf 5 bis 6 Jahre des 10 jährigen Cursus ausgedehnte Stoff des Latein-Unterrichts auf 4 bis 5 Jahre des 9 jährigen ver- theilt wird. Dieser raschere Gang ist allerdings für Lehrer und Schüler weniger bequem, fordert grössere Anspannung der Thätigkeit und knapperes Hinarbeiten auf das Wich- tigste und Nothwendigste, wird aber jedem talentvollen Knaben weit zuträglicher sein; bei den schlafferen und unbegabteren Naturen wird es allerdings nicht selten vorkommen, dass ein solcher Schüler für das neue Sexta- oder Quinta-Pensum zwei Jahre braucht. Unsere bisherige Cursusdauer war, wie man es nehmen will, zu lang oder zu kurz. Denn entweder müsste das Gymna⸗ium den Aufänger vom ersten schulfähigen Alter an


