Aufsatz 
Bemerkungen zum ersten Buche der Satiren des Horaz
Entstehung
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übersprudelnden, excentrischen, ganz in des Vaters Stoicismus*) befangenen Jüngling, dessen Genialität gewiss schon damals aller Augen auf sich gezogen hatte. Damit fällt auch Wieland's Einwand weg, als habe Labeo in noch so jugendlichem Alter(denn Wieland behandelt die chronologische Frage im wesentlichen richtig, richtiger als Kirchner) nicht von solcher Bedeutung sein können, um qurch sein öffentliches Be- tragen im Staate den Titel eines Tollkopfs zu verdienen. Ueberhaupt aber vergisst man bei solchen Fragen nur zu leicht, dass das Urtheil der lebenden grossen Männer über einander keineswegs immer die achtungsvolle Schonung übt, die die dankbare Verehrung der Nachwelt wünscht. Man erinnere sich, wie Aristophanes den Sokrates verhöhnt, und um aus Hunderten von neueren Beispielen nur eines zu nennen an A. W.

Schlegel's Spottlied Nach Quirium, nach Quirium!

Tralirum, larum, lirium!

auf einen Mann, der einer der grössten Beweger der deutschen Wissenschaft gewesen ist. Das Urtheil der Mitlebenden wird oft durch Laune und Willkür, durch besondere Nebenrücksichten, Stimmungen, Parteiansichten beherrscht, ohne dass deshalb auf den Tadler ein besonderer Tadel zu werfen ist. Hier bei Horaz und Labeo kamen manche Umstände zusammen, die es erklärlich machen, dass H. einen Augenblick über- sehen konnte, dass in Labeo das Zeug zum grossen Manne steckte. Ihre Lage, ihre Charaktere waren grundverschieden. Labeo, der eben den Vater unter solchen Um- ständen verloren hatte, mochte es für eben so abscheulich halten sich in die Zeit-Um- stände zu fügen, als es Horaz, nach seiner weicheren Natur, für unsinnig hielt, sich ihnen, nach Verlust seines Vermögens, nicht zu fügen. Jener war ein statrer Römer alten Schlags, aus guter Familie, geneigt und fähig zum Handeln, muthig, besonnen, scharf, von trocknem aber sehr boshaftem Witze, stolz, vielleicht überhaupt ein Sonder- ling dieser eine bewegliche, weiche, mehr zum contemplativen Stillleben geneigte Natur, schüchtern, anschmiegend, nachsichtig gegen sich und andere, dabei von niederer Herkunft. Denken wir uns in jene Zeit hinein, so mag, nachdem Horaz seines poli- tischen Irrthums inne geworden war und sich dem Mäcenas angeschlossen hatte, ein so excentrischer Reactionär wie der junge Labeo leicht im Licht eines Don Quixote er-

schienen sein und manch loses Wort ihn im Kreise des Mäcenas verurtheilt haben.

*) Ob der Vater auch Jurist gewesen sei im engeren Sinne, wie Pomponius Dig. 1, 2, 2, 44 behauptet hat, mag dahinstehen; der Ausdruck bei Appian érν σωωρε̈ νηωκουννοες ist in dem Zusammen- hange eher ein Gegenbeweis.