—— 12—
folgt daraus für Labeo? Man wird doch aus dem sehr allgemeinen Ausdruck des Ta- citus— eines rhetorisirenden Schriftstellers 100 Jahre nach dem Augustischen Zeitalter — aus seinem simul tulit nicht auf unbedingte Gleichaltrigkeit schliessen wollen? Denken wir uns die Sache recht. Dem Tacitus erschienen jene beiden Häupter der Rechtsgelehrsamkeit als die Koryphäen des vielgepriesenen goldnen Zeitalters unter August; was konnte es ihm dabei verschlagen, ob der eine in höherem Alter starb als der andere? Gesetzt, Labeo wäre ums Jahr 12 p. Chr. mit reichlich 70, Capito mit 60— 70 im Jahr 22 p. Chr. gestorben, oder sie wären beide, aber der eine als 80 jäh- riger Greis, der andere 10 bis 20 Jahre jünger, ungefähr um dieselbe Zeit mit Tode abgegangen, waren sie darum für den fernstehenden Beurtheiler minder Zeitgenossen? Heissen nicht so Sophokles und Euripides, Philemon und Menander, Goethe und Schiller? Ihm lag ja nur an dem politischen Gegensatze, nicht an den chronologischen Einzel- heiten. Ueberdies, je grösser der Altersunterschied zwischen Beiden war, um so stärker war der Aeltere durch Zurücksetzung gegen den Jüngern verletzt, mögen wir das aece- leravit nehmen wie wir wollen.
Auch was wir sonst von M. Labeo wissen, lässt sich sehr wohl mit einer frühern Geburtszeit desselben vereinigen, ja einiges sogar besser als mit der späteren. Appian (b. civ. IV, 135) erzählt, dass M. Labeo's Vater nach der Schlacht bei Philippi sich tödtete, weil er den Untergang der Freiheit nicht überleben wollte; dabei erwähnt er auch der schriftlichen Aufträge, die der ältere Labeo seiner Frau und seinen Kindern hinterlassen habe. Aus den Worten Aaßedv e εr οονπνοαν νυ⁵ουμοε, b raπν Aa⁵ενoς roð ααντ εέmμρσαεαιμεραν ν⁶eν ειται ννν τπενριννιυμναοσνυ... EEæ ⁸ rn Fvαed et oi œαοαν Tε9 Gy eSouhero zal rdâ νμμμᷣααα εν εdοω rois oizéraig ist zwar nichts über das Alter der Kinder zu entnehmen, aber wenn die Muthmassung nahe liegt, dass auch Marcus damals noch zu jung war, um den Vater ins Feld zu begleiten, so brauchte er deshalb nicht, wie man annimmt, erst ein 5jähriges Kind gewesen zu sein, sondern war vielleicht schon 15— 17 Jahre alt, da nach damaligem Gebrauche erst mit dem 20sten Jahre das Dienstalter des jungen Römers begann.— Ferner berichten uns Sueton (Oet. 54) und Cassius Dio(54, 15), dass M. Labeo im Jahre 18 ante Chr. unter den 30 von August zur lectio senatus ausgewählten Notabeln gewesen sei. Jeder der 30 sollte fünf Senatoren wählen, und Labeo nannte darunter, wie zum Hohne gegen den Friedensfürsten, dessen Todfeind, den alten verbannten Lepidus, als einen seiner Can- didaten. Diese Geschichte passt nicht recht zu der Annahme von Kirchner u. A.,
denn darnach wäre Labeo im Jahre 18 a. Chr. erst höchstens ein junger Mann von
„„


