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nicht unwillkommen erscheinen, hauptsächlich als Beiträge zur Erkenntniss sowohl des Gedankenzusammenhanges, als auch einzelner Beziehungen auf gleichzeitige Ereignisse und Personen, bei weitem der beiden wichtigsten und schwierigsten Seiten der Horazi- schen wie der Pindarischen Gedichte. Möge der freundliche Leser es auch nicht übel nehmen, wenn er hin und wieder einer Reiseanekdote begegnet, da es mir in den Tagen der goldbekränzten Jugend vergönnt war in heitrer und geistvoller Gesellschaft das Ita- lische Land auf den Spuren des Venusinischen Dichters zu durchziehen und bei Er- klärung dieser Werke, die selbst den Stempel ewiger Jugendfrische tragen und unter dem„heiligen Frühling“ dieser schönen Stadt nichts näher liegt als eine Erinnerung der eigenen Jugendfahrten. Doch ich will versprechen, das Meiste, was ich meinen lieben Schülern dabei nicht vorzuenthalten pflege, hier zu verschweigen.
Sat. I, 1. Der Gedankengang der ersten Satire ist dieser.
CQu. Wie geht es zu, dass die Menschen so oft mit ihrem Loose unzufrieden sind? (Denn dass sie es sind, lehrt die tägliche Erfahrung des Beneidens anderer. Beispiele.) Und dass dieselben doch, wenn es ihnen verstattet wäre, mit dem Beneideten zu tauschen, dieses nicht wollen würden?
Resp. Der Grund hierfür liegt nicht darin, dass ein Beruf an sich besser oder glücklicher ist als der andere, noch auch(hätte H. weiter argumentiren können) darin, dass der eine sich für diesen, der andere für jenen Beruf besser eignet, sondern in der leidenschaftlichen Sucht mehr zu sein und mehr zu haben als andere. Der Geiz ist die Wurzel alles Uebels. Die Unzufriedenheit also und der Neid beruhen nicht auf äusseren Ursachen, sondern auf inneren Gründen, auf der Selbstsucht; sie sind eigentlich selbst ihr eigener Grund und ihre eigene Ursache, sind nur Aeusserungen des Egoismus. Daher würde auch die Vertauschung der Berufsarten nichts nützen; die In- haber des neuen Looses würden ebenso unzufrieden bleiben: diese Unzufriedenheit und dieser Neid liegen im Wesen des unphilosophischen Menschen, der seiner gierigen Selbstsucht folgt.
Art der Ausführung dieser Beantwortung der gestellten Frage. Statt direct zu antworten, wie H. es erst v. 113 thut: Sic festinanti semper locupletior obstat und von 114— 119 ausführt, und statt auf die philosophische Lebensauffassung des Kleobulischen uérgoy deασmo“ als das einzige Mittel zur Zufriedenheit und Neidlosig- keit, wie er erst v. 106. 107 thut, zu verweisen, schildert Horaz erst die unphiloso- phische Lebensauffassung des gewöhnlichen Berufsmenschen, das masslose Strében nach Mehr und immer Mehr in seiner Verkehrtheit und Zwecklosigkeit, das Unglück der


