Aufsatz 
Bemerkungen zum ersten Buche der Satiren des Horaz
Entstehung
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Bemerkungen zum ersten Buche der Satiren des Horaz.

Was Gocethe in den Tag- und Jahresheften von 1806 über die Epistel an die Pisonen sagt:Dieses problematische Werk werde dem einen anders vorkommen als dem andern, und jedem alle zehn Jahre auch wieder anders das gilt in gewissem Sinne von allen grösseren Werken des Horaz, ja von vielen der tiefsten und sinnigsten Erzeugnisse aller Literaturen überhaupt. Die geistige Einheit in den Satiren und Epi- steln des Horaz beruht weit mehr auf der Stimmung des Dichters als auf bewusster logischer Durchführung eines einzelnen Gedankens; sie sind insofern nicht verschieden von der eigentlichen Lyrik. Mit dem bloss urtheilenden Verstande ist also auch einer solchen Dichtung nicht beizukommen; der Leser, gerade der rechte Leser bringt seine Stimmung hinzu und muss sie ganz wirken lassen, ungestört durch das Hin- und Hererwügen einzelner Schwierigkeiten, wenn er überhaupt ein Verständniss des Ganzen gewinnen will. Je empfänglicher er von vorn herein ist für die Gemüthszustände, unter denen der Dichter schrieb, je harmonischer er sich diese Stimmung durch rasche Auf- nahme des Ganzen erhalten kann, desto sicherer wird er es richtig fassen. Aber wir sind späte Empfänger dieser goldenen Gaben der Muse: eine historische Einzelheit, die vergessen ist, ein Wort, ein Begriff, dessen Glanz unter dem Rost der Jahrhunderte erblindete, eine mehrdeutige Fügung oder Verbindung der Gedanken verwirren uns und wir verlieren darüber den rechten Faden und die rechte Stimmung des genussreichen Lesens. Daher denn die grosse Verschiedenheit des Verständnisses. Diese habe auch ich oft genug bei Horaz, bei Pindar, bei Plato erfahren, doch aber auch manchmal das Wiederkehren und Befestigen der einmal gewonnenen Auffassung. Und so mögen, da ja Horaz unter denen, die einmal einen Einblick in die classische Welt gethan haben, immer noch auf junge und alte Verehrer zählen darf, einige Bemerkungen dieser Art