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Zwistigkeiten des 18. und 19. Jahrhunderts wirken nur hemmend und lähmend. Immer aber waren die Hauptursache des Fortschritts oder Rückschritts die an der Spitze der Schule und der Schulbehörde stehenden Personen. Taugten diese nichts, so gieng in unruhigen Zeiten alles drunter und drüber und schlief in ruhigen Zeiten alles ein; waren sie die rechten Männer, so benutzten sie die Unruhe zum Vortheil des Ganzen, und nur die Ruhe war auch ihnen gefährlich. Denn dann überwogen viel leichter als sonst engherzige Nebeninteressen die Rücksicht auf das an sich Vernünftige und Zweck- mässige, und wo von jenen alles abhieng, war die Schule alsbald verdorben. Im Kampfe mit der Beschränktheit und Anmassung eines irregeleiteten Bürgerthums, welches dann in der unlieblichen Gestalt des plumpen Philisterthums erschien, erlagen auch wohl vor- zügliche Männer, mit denen man nicht immer aufs Glimpflichste verfuhr und von denen mehr als einer in Unmuth von dannen gieng. Und dennoch, trotz mancher Kränkung, die einzelne ihrer Priester erfuhren, haben die Musen Frankfurt nie auf die Dauer verlassen; sie mochten wohl einmal bei unsanfter Behandlung ihr Haupt verhüllen und fliehen, aber sie kehrten immer wieder— warum? weil sie eben curiose Frauenzimmer sind, die eine fast närrische Liebe zur Freiheit und Ungebundenheit, zum rein menschlichen Wesen mit allen seinen Fehlern, haben, die als verzogene, launische, muthwillige Mädchen sich immer etwas Neues wünschen— variatio delectat— und die alles eher ertragen können als das starre maschinenmässige Einerlei, bei welchem sie sich zu Tode langweilen würden. Diese Gefahr, in geistlosen Mechanismus zu verfallen, welcher ein grosser Staat immer in höherem Grade ausgesetzt ist, erscheint ihnen weit furchtbarer als die in Kleinstaaten naheliegende eines sittlich und intellectuell verdorbenen Individua- lismus. Denn während jener nur durch seltne Weisheit der Regierenden ganz vermieden werden kann und der Einzelne ihm gegenüber fast ohnmächtig ist, pricht durch diesen die gesunde Kraft und Tüchtigkeit, die unverwüstliche Güte der Menschennatur sich leichter wieder Bahn. Dies mögen einige der Hauptursachen sein, warum die deutschen Kleinstaaten, wie schädlich sie auch für die Macht und Grösse unsres Vaterlandes waren, wenn sie Weltpolitik treiben wollten, doch wesentlich die Geburts- und Pfleg- stätten der Kunst und Wissenschaft gewesen sind und als solche eine schöne Aufgabe gehabt haben. Und da hierauf unser Frankfurt einen gerechten Anspruch hat, in ihm aber auch dem Gymnasium in dieser Beziehung ein bescheidener Platz gebührt, so wird eine Darstellung seines Entwickelungsganges hoffentlich willkommen sein.
Die Quellen für die Geschichte unserer Schule sind vielfach zerstrent. Das Gym- nasialarchiv bietet für die ältere Zeit wenig oder gar nichts; vermuthlich hat der Rector Klumpf, der die Absicht hatte eine Geschichte des Gymnasiums zu schreiben, und der von 1717— 30 eine Reihe von Progressionsreden über diesen Gegenstand hielt, alle früheren Documente an sich genommen, so dass sie dadurch der Schule abhanden gekommen


