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bezüglich des zweiten der angeführten Verse. Ich verbinde nach Barets Vorgang simili mit ore und gebe den Worten folgende Deutung: So strahlte auch das Antlitz des Hippolyt von dem- selben, für ein schuldloses, unverdorbenes Gemüth zeugenden Frohsinn, der selbst da in seiner Unbefangenheit sich gleich blieb, als Phaedra den Jüngling zu verführen trachtete. Duzu passt dann simili ac gemino, eine z. B. bei Cicero nicht seltene Verbindung, oder mit Vermeidung der harten Elision noch besser simili gemino, sodass man letzteres auf furore bezieht.
Carm VII, 238 sqq. Fulnere vel si quis plangit, cui flesse perisse est ac ferro perarasse genas vultuque minaci rubra cicatricum vestigia defodisse.
Baret bemerkt zu diesen Versen:„Impeditia oratio, quam valde non illusrat librorum varietas“, wobei er aus seinem cod. 9551 perisse, aus No. 2781 feriri anführt; B hat perire. Die französische Uebersetzung:„ce dernier aime mieux périr que de sortir du combat sans blessures“ umgeht die eigentliche Schwierigkeit durch eine ganz willkürliche Umschreibung und lässt das vel si quis unbeachtet. Sidonius liebt es, zwei Infinitive, namentlich Perfecti, vermittelst der Copula so mit einander zu verbinden, doss der eine Subject, der andere Prädicatsbestimmung ist, z. B. carm. VII, 18 sq. mundum reparasse adsperisse fuit; ib. 470 sq. cui semper Aoitum sectart crevisse fuit und öfter. In den vorhergehenden Versen ist eine Reihe von Völkerschaften aufgezählt, die sich alle von Avitus in den ihnen eigenthümlichen Fertigkeiten übertroffen sehen, die Heruler im Lauf, die Hunnen im Speerwerfen, die Franken im Schwimmen u. s. w., endlich alle(si quis=„jeder der“ oder„wer sonst noch“) in Abhärtung und Verachtung des körperlichen Schmerzes; denn so verstehe ich das folgende vulnere vel si quis plangit. Es heisst:„oder wenn Jemand durch Wunden seine Trauer bekundet“, nicht durch unmännliche Thränen, sondern durch Zerfleischen des Gesichtes. Nehmen wir dies zum Ausgangspunkt, so liegt es nahe, das Folgende als eine weitere Aus- führung dieses Gedankens aufzufassen; demnach würde flesse, dem plangit entsprechend, zusammen mit est für die folgenden Infinitive Prädicat sein. Dann passt aber nicht perire oder perisse, sondern nur feriri, dessen Entstehung aus der gewöhnlichen Lesart auch viel schwerer begreiffich ist, als das Umgekehrte, und der Sinn der ganzen Stelle ist: für diese ist sich schlagen, mit dem Dolch die Wangen zerfleischen und tiefe Wunden in das Gesicht graben dasselbe, was für Andere das Weinen. Feriri hat also mediale Bedeutung nach Analogie des häufig so gebrauchten plangi. Sidonius hat auch hier wieder in seiner übertreibenden, gekünstelten Manier ein aus Claudian entlehntes Motiv in wortreicher Breite ausgemalt(carm. III, 313 membraque qui ferro gaudet pinæisse Gelonus; cf. ib. 327 frontemque secare ludus).
Carm. VII, 336. Tundem cunctanti sedit sententia.—. Cf. Claudian XXXIII, 121 certa requirenti tandem sententia sedit. Zu der Stelle des
Sidonius finde ich nirgends eine Variante bemerkt; auch B hat cunctanti, E dagegen nutanti und danach wird diese Lesart, die nicht den Eindruck eines Glossems macht, vorzuziehen sein.
Carm. VII, 499. Jam pacem tum velle doces.— Das tum ist hier unverständlich; ich schreibe mit B tu. Carm. VII, 520 sq.— qui Gallos scires non posse latere,
quid possint servire Getae te principe.— So die Handschriften und Ausgaben. Abgesehen von der nachlässigen Ausdrucksweise, die dem Schriftsteller zur Last zu legen ist, erscheint quid anstössig; man erwartet qui„auf


