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Durchaus verfehlt ist die Erklärung dieser Stelle bei Savaro, der unter den domini priores die Vorgänger des Maiorianus versteht. Die unmittelbar vorhergehenden Verse beweisen, dass der Scythe den Dienst seiner vaterländischen Könige mit dem römischen vertauschte, in der eiteln Hoffnung, hier seiner Trägheit und Genusssucht bequemer fröhnen zu können. Isse bedeutet demnach soviel als abisse,„dass sie dahin sind, dass ich von ihnen befreit bin“. Die hand- schriftliche Ueberlieferung variirt zwischen isse(C), esse(B), deesse(E). Die letzte Lesart ist, obwohl oder richtiger weil sie den Vorzug der Deutlichkeit für sich hat, sicherlich eine Inter- polation und esse nur ein Schreibfehler, also isse mit den Ausgaben beizubehalten.
Carm. V, 601. Ich lese mit Baret gegen Sirmond:
sic Parthus certum fugiat. Die Stelle ist Claudian nachgebildet, carm. VII, 209 sq.: iam video Babylona rapi Pa Aagus coactum non ficta trepidare fuga.
Certum d. h.„wirklich“, non simulate, nicht, wie Baret will, recta et irretorto gressu, &yeιοινμροσρς sentspricht dem non ficta besser, als die überdem nur auf sehr künstliche Weise zu erklärende Lesart Sirmonds rectum. Vgl. auch Livius IX, 39, 10 ut semel dedere terga, etiam certiorem capessere fugam.
Carm. VII, 75. Hier hat bereits Sirmond nach Claudian XXI, 252 Gir notissimus amnis Aethiopum und„MS. unius vestigia secutus“, wie er in seiner Note sagt, statt der gewöhnlichen, auch in B überlieferten Lesart Tagus Aethiopum das Richtige gefunden: Gir Aethiopum. Im Bern. E lautet der Versanfang armenta eger statt Armeniae Gir oder mit einer auch bei dem älteren Plinius vorkommenden Nebenform Ger, wie auch hier zu schreiben sein wird. Zugleich weist die Ueberlieferung in E deutlich auf die Entstehung der Vulgate hin.
Carm VII, 160 verdient die Lesart des cod. B sint alii den Vorzug vor der aller Aus- gaben sunt alii.
Carm. VII, 199 sqq. Bei Baret lauten diese in mehr als einer Beziehung dunkeln und schwer verständlichen Verse folgendermassen:
Hippoliſtus roseo sudans radiabat ab ore, sed simili, gemino flagrans cum Cressa furore kransiit affectu matres et fraude novercas.
Die kritische Ueberlieferung ist schwankend. Für sudans finde ich in B und E sudun und so schreiben auch Sirmond und Savaro; für simili gemino ist nach Baret die Vulgate simul ac gemino, E hat simula gemino, B simili ac gemino. Die Verse enthalten einen Vergleich mit dem heiter von der erfolgreichen Jagd heimkehrenden, jungen Avitus, dessen Tapferkeit trotz allen Wider- strebens seiner Bescheidenheit die errungene Beute verräth(so ist die ziemlich verschrobene Aus- drucksweise v. 196 sq. virtusque repugnans proderet invitum per fortia facta pudorem zu erklären). Das tertium comparationis kann nur in der bescheidenen, jeder Prahlerei und Ueberhebung fernen Freude über den Erfolg, der frohen, unschuldigen Jugendlust liegen; der Vergleich selbst aber ist nicht geschickt durchgeführt, weil mit der Liebe der Phaedra ein ganz neues, nicht hierher gehöriges Moment hineingetragen wird. Jedenfalls ist zunächst statt des geschmacklosen sudans zu schreiben: sudum. Die adverbiale Verwendung des Neutrums der Adjectiva ist auch bei Sidonius sehr häufig. Cf. dulce ep. I, 5; carm. XXII, 33; immane ep. VI, 7. 9 u. ö.; aeternum carm. XXII, 72 u. ö.; largum carm. IX, 24; superbum carm. XV, 8 u. a. m. Schwieriger erweist sich die Entscheidung
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