Aufsatz 
Zu Sidonius' Carmina / von Paul Mohr
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

loouendi dat opem vergleiche man ep. VIII, 11(carm. v. 22) Arpinas modo quem tonante lingua ditat.

Carm. II, 242. Sidonius leitet hier die ausführliche Beschreibung der Hunnen mit folgenden Worten ein:

sed Scythicae vaga turba plagae ueis tale solum est murique genusque.

Tale bezieht sich offenbar auf die v. 242 269 folgende Darstellung, die, der Disposition entsprechend, in drei Theile zerfällt: v. 243 244 Heimatsland der Hunnen, v. 245 262 Körper- beschaffenheit, v. 263 269 Sitten und Gewohnheiten. Was soll nun aber muri? Auf welchen der drei Theile ist es zu beziehen, mag man es in eigentlicher oder übertragener Bedeutung auffassen? Ich glaube, es ist moresque zu emendiren; genus bedeutet danneigenthümliche, angeborene Beschaffenheit.

Carm. II, 308. Nunc ades, o Paean, lauro cui gryuphas obuncos

docta lupata ligant, Quoties per frondea lora flectis penniferos hederis bicoloribus armos.

Diese geschmacklos überladene Schilderung findet sich fast in denselben Wendungen carm. XXII, 67 sqd. wieder. An unserer Stelle erregt nur ein Ausdruck Bedenken, docta lupata. Kein Herausgeber berührt die auffällige Verbindung. Doctus wird sehr häufig von Sachen gebraucht. Cf. Propert. III, 28, 38 medius docta cuspide Bacchus erit; Valer. Flacc. I, 122 docta resonare bipenni litora; Claudian. XVII, 273 docti rubuerunt floribus amnes; ib. XXVIII, 34 doctae spirant praesagia rupes; ib. I, 177 pollice docto iam parat auratas trabeas(cf. Sid. XV, 181). Die Bedeutung ist gelehrig, geschickt, fügsam, von der Natur des Subjectes erfüllt, entspricht also meist der von gdocilis. Doch scheint mir keiner dieser Begriffe der Färbung der ganzen Stelle angemessen zu sein, vielmehr erwartet man ein Wort, das lauro mit lupata verbindet, also etwa torta oder der hervorgehobenen Stellung im Verse wegen noch besser pictageschmückt, verziert. Cf. Ov. Metam. IV, 24 tu biiugum pictis insignia frenis colla premis lncum.

Carm. II, 412. Halant rura rosis indeseriptosque per agros

flagrat odor.

Zunächst wird indiscriptosque zu lesen sein. Die agri indiscripti(= indiscreti) sind noch nicht durch Grenzsteine geschiedene, keinem Besitzer zugewiesene, also vom Pfluge unberührte Gefilde. Derselben Anschauungsweise begegnen wir Tibull. I, 3, 43 sq. non fiæus in agris, qui regerèt certis finibus arva, lapis; Verg. Georg. I, 125 sq. ne signare quidem aut partiri limite campum fas erat; Ov. Amor. III, 8, 41 sd.; Claudian. III., 380 tum tellus communis erit, tum limite nullo discernetur ager. Wenn Savaro indescriptus mit squalidus, incultus erklärt und zum Belege dafür Ennod. carm. I, 9 incurei dente ligonis scribit agros heranzieht, so setzt er für describere eine Bedeutung voraus, die sich wohl für scribere und perscribere*) mehrmals auch bei Sidonius findet, aber für dieses Compositum meines Wissens nirgends(cf. Sid. ep. II, 2 in. hiulcis arentium rimarum flexibus terra perscribitur; carm. XVI, 79 cum solis torridus ignis flexilibus rimis sitientes seriberet agros). Die erste Hälfte des Verses ist eine Nachahmung des Claudian, carm. XXXI, 103 inga floribus halant. Cf. Verg. Georg. IV, 109 halantes floribus horti, ib. Aen. I, 414 sertisque recentibus halant; Martial. X, 48 nimio prior hora vapore halat; Sidon. carm. XXII, 59 virides violis

*) So auch inscribere bei Verg. Aen. I, 478 versa pulvis inseribitur hasta.